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Nach der Wahlkreiskonferenz der SPD: Wer jetzt wie dasteht bei den Genossen

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Von: Andreas Hermann, Florian Hagemann

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Voller Saal: Wer einen Sitzplatz hatte, durfte sich glücklich schätzen.
Voller Saal: Wer einen Sitzplatz hatte, durfte sich glücklich schätzen. © Fischer, Andreas

Nach mehr als drei Stunden hat die SPD auf ihrer Wahlkreiskonferenz Isabel Carqueville als Oberbürgermeisterkandidatin nominiert. Es gab Gewinner und Verlierer. Eine Analyse.

Kassel – Dieser Mittwochabend hat zumindest in einem Punkt für Klarheit gesorgt innerhalb der Kasseler SPD. Sie zieht mit einer eigenen Bewerberin in den Wahlkampf um das Oberbürgermeisteramt. Isabel Carqueville geht ins Rennen und wird dabei auch auf Christian Geselle treffen, der als unabhängiger Bewerber antritt, aber ebenfalls der SPD angehört. Ein Novum. Wer aber steht nach der Wahlkreiskonferenz nun wie da? Ein Überblick.

Ron Hechelmann: Der Parteichef kann nach der Nominierung Isabel Carquevilles erst einmal durchatmen und sich – zumindest innerhalb der SPD – als Sieger im Machtkampf gegen Oberbürgermeister Christian Geselle fühlen. Der hatte Hechelmanns Rücktritt gefordert. Nun ist Hechelmann noch da – und Geselle nicht der Bewerber der SPD. Hechelmann hat stattdessen seinen Plan B mit Isabel Carqueville als Hauptperson durchbekommen. Das schaffte er auch deshalb, weil er die Jüngeren mobilisieren konnte, wobei viele aus dem Umfeld der Universität kommen. Einige traten kurz vor der Wahlkreiskonferenz der SPD bei. Das rief gerade bei den Etablierten Unmut hervor. Allerdings: Verboten ist das Vorgehen nicht. Hechelmann hat es genutzt.

„Da ist auf jeden Fall Erleichterung“, sagte er am Tag nach der Wahlkreiskonferenz. Beeindruckt sei er von der großen Resonanz der mehr als 300 Genossen. Sehr zufrieden sei er mit den 61,2 Prozent, die für Bewerberin Carqueville stimmten – und damit gegen die Unterstützung des unabhängigen Kandidaten Christian Geselle. Hechelmann: „Jedem in der Konferenz war ja klar, dass dies eine indirekte Kandidatur gegen den rosa Elefanten im Raum war.“

Nominiert als Oberbürgermeister-Kandidatin: Isabel Carqueville während der Wahlkreiskonferenz der SPD am Mittwochabend im Haus der Kirche.
Nominiert als Oberbürgermeister-Kandidatin: Isabel Carqueville während der Wahlkreiskonferenz der SPD am Mittwochabend im Haus der Kirche. © Andreas Fischer

Isabel Carqueville: Die frisch gekürte Oberbürgermeisterkandidatin startete kurz nach ihrer Nominierung durch die Kasseler SPD sogleich in den Wahlkampf durch: „Ich bin sehr dankbar über das deutliche Ergebnis“, sagte Carqueville am Donnerstag. Schon am Morgen stand ihr Kontakt im Internet für alle jene, die mit ihr und der SPD den Wahlkampf gestalten und umsetzen wollten. Name: herzfuerkassel.de.

Ihr Slogan für den Wahlkampf werde das aber nicht sein. „Da gibt es schon noch ein paar anderen Ideen“, so die 38-Jährige. Der rasche Start im Internet zeigt aber: Unvorbereitet ist Carqueville nicht. Zumal ihr Konzept schon während ihrer Vorstellung anklang: Maximale Abgrenzung zu Christian Geselle in der Art der Politikgestaltung. Sie sagte Sätze wie diese: „Eine Oberbürgermeisterin ist nichts ohne ihre Partei.“ Und: „Eine Stadt wird nicht nur von einer Person geleitet, aber sie braucht eine Person, um alle an einen Tisch zu bekommen.“ Carqueville stellte sich als Teamplayerin dar. Deutlich wurde: Auch wenn sie weiterhin Außenseiterin ist, unterschätzen sollte sie niemand.

Kamen mit einem Lächeln: Ex-OB Bertram Hilgen und Michael Rudolph vom DGB.
Kamen mit einem Lächeln: Ex-OB Bertram Hilgen und Michael Rudolph vom DGB. © Fischer, Andreas

Bertram Hilgen: Der direkte Vorgänger Geselles wollte sich nach dem Abschied aus seinem Oberbürgermeisteramt eigentlich nicht mehr zur Kasseler Kommunalpolitik äußern. Doch die dramatische Lage seiner Partei und die Tatsache, dass in der Nachkriegszeit alle Oberbürgermeister der SPD als Kandidaten der Partei angetreten seien, hätten ihn dazu bewogen, seine Stimme zu erheben, erklärte Bertram Hilgen. Im Namen der ehemaligen SPD-Oberbürgermeister Hans Eichel und Wolfram Bremeier sprach sich Hilgen für eine eigene SPD-Kandidatur und für Bewerberin Carqueville aus. Ins politische Tagesgeschäft wolle er sich auch künftig nicht einmischen, versicherte Hilgen. Und als Wahlkampfmanager stehe er ebenfalls nicht zur Verfügung.

Ramona Kopec: Die Fraktionsvorsitzende der SPD hat einen der schwierigsten Jobs. Sie vertritt eine Fraktion, die auch nach der Wahlkreiskonferenz tief gespalten ist. Sieben der 17 Mitglieder hatten schon im Vorfeld ihre Unterstützung für Christian Geselle angekündigt. Wirklich geändert haben dürfte sich das nach Mittwochabend nicht. Manche des sogenannten pragmatischen Flügels sprechen nach wie vor offen aus, weiterhin für Geselle zu sein – und fordern von Kopec, mehr auf sie zuzugehen. Kopec hielt sich am Mittwochabend zurück, gestern sagte sie gegenüber unserer Zeitung zum Streit innerhalb der Fraktion: „Wir werden das gemeinsam lösen.“ Und sie stellte in Richtung der Geselle-Unterstützer klar: „Ich werde niemanden aus der Fraktion rausschmeißen.“ Das Problem ist mit der Ansage aber nicht gelöst. Die Fraktion wieder zu einen, wird eine Herkulesaufgabe.

Esther Kalveram: Die Landtagsabgeordnete hatte am Mittwoch noch einen Versuch unternommen, die SPD von dem Gedanken abzubringen, eine eigene Oberbürgermeisterkandidatin aufzustellen. Er misslang. Jetzt plädiert Kalveram dafür, sich die Situation in Ruhe anzuschauen und keinen Schnellschuss zu vollziehen. Sie ist diejenige in der SPD, die womöglich am meisten im Zwiespalt ist: Zuletzt hatte sie offen Christian Geselle unterstützt. Die Partei, mit deren Hilfe sie nach Wiesbaden gelangt ist, aber setzt auf Isabel Carqueville. Ein Dilemma – gerade beim Blick auf ihre Zukunft als Abgeordnete. Im nächsten Herbst finden die Landtagswahlen statt.

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