Gedrückte Stimmung

Nach Erdogans Sieg: Kasseler Türken sind enttäuscht

Kassel/Baunatal.  Am Sonntag wurde in der Türkei in einem Referendum über die Einführung eines Präsidialsystems abgestimmt. Die Mehrheit hat sich dafür ausgesprochen. So sehen das die Türken in der Region.

Unmittelbar nach Bekanntgabe der ersten Hochrechnungen des Referendums ist es ruhig auf der Unteren Königstraße in Kassel. Wo sonst in türkischen Imbissen und Bäckereien immer reger Betrieb herrscht, sind nur wenige unterwegs. Das mag vielleicht am Osterfeiertag liegen, aber die Stimmung scheint nach dem Sieg für Erdogan gedrückt. Auch auf Nachfrage will sich niemand am Stern zur den Nachrichten aus der Türkei äußern. 

Mit seiner Meinung öffentlich in der Zeitung stehen? Auf keinen Fall. Die Polizei ist mit einem verstärkten Aufgebot unterwegs. Aber am Abend lautet die Bilanz, in Kassel habe es keine auffälligen Reaktionen auf das Ergebnis gegeben. Am Montag gehen viele Türken, die wir am Stern treffen, davon aus, dass das Ergebnis des Referendums manipuliert ist. Sie sind schockiert über den Ausgang. Einige haben Sorge, dass Präsident Erdogan eine Diktatur aufbauen wird. Ein paar wenige gibt es dann doch, die sich äußern und keine Probleme damit haben, ihren Namen zu nennen. 

Beispielsweise Tuncay Aral, der früherere Trainer des FC Bosporus, sagt klar seine Meinung. Er ist enttäuscht. „Wir hätten uns ein Nein gewünscht, aber jetzt ist es ja leider anders ausgegangen.“ Arals Eltern stammen aus dem Osten der Türkei, er selbst ist aber in Deutschland geboren. Er hat seit Sonntag mit Familie und Freunden die Meldungen im Fernsehen verfolgt. 

Eine 18-jährige Schülerin aus Baunatal hat – wie ihre komplette Familie – gegen das Referendum gestimmt. „Wir sind Kurden.“ Sie war erst einverstanden, dass ihr Name abgedruckt wird, später ruft sie noch einmal an und bittet darum, anonym bleiben zu dürfen. Sie kann nicht verstehen, wie in Deutschland lebende Türken mit Ja stimmen, wo sie doch im demokratischen Deutschland leben. „Dann sollen die Menschen auch in die Türkei ziehen und spüren, was es bedeutet, in einer Diktatur zu leben“, sagt die 18-Jährige. Dass sie anonym bleiben will, hat einen Grund. Sie habe Bedenken, dass sie sonst vielleicht nicht mehr in die Türkei einreisen darf, wo sie Verwandte hat. 

In Baunatal gebe es viele AKP-Anhänger, sagt die Schülerin, als Kurdin habe man es selbst in dieser deutschen Stadt schwer. Mit ihren Freundinnen, viele von ihnen haben für das Referendum gestimmt, spreche sie nicht über Politik. „Das endet im Streit.“ Eine ihrer Freundinnen sei vor der Abstimmung extra in die Türkei geflogen. Sie hatte mit Ja gestimmt. (pmh/kme/ali)

Lesen Sie auch:

Türken aus Kassel sagen "Nein": Protest gegen Erdogan

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.