Nach Hanau: Jetzt erst recht

Kommunalwahl in Kassel: Awet Tesfaiesus tritt für die Grünen an

Awet Tesfaiesus
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Awet Tesfaiesus

Vor der Kommunalwahl am 14. März 2021 stellen wir die Spitzenkandidaten der einzelnen Listen vor, die in Kassel antreten. Hier: Awet Tesfaiesus (Grüne).

Kassel – Sie ist Spitzenkandidatin der Kasseler Grünen für die Kommunalwahl. Sie hat einen aussichtsreichen Listenplatz für die Bundestagswahl, für die sie außerdem Direktkandidatin in jenem Wahlkreis ist, der den Werra-Meißner-Kreis und den Kreis Hersfeld-Rotenburg umfasst. Wenn alles gut läuft, ist Awet Tesfaiesus am Ende des Jahres eine sehr gefragte Politikerin. Aber davon will sie nichts wissen.

Das Treffen mit ihr in der Goetheanlage findet zwei Tage vor dem ersten Jahrestag des Anschlags von Hanau statt, bei dem ein Rechtsextremer neun Menschen mit Migrationshintergrund tötete. Das treibt Awet Tesfaiesus um, das erfüllt sie mit Trauer, hier sind ihre Gedanken. Wenn sie zum Beispiel über ihre Ambitionen in der Politik spricht, dann sagt sie, sie habe den Wunsch, etwas zu verändern. Und das bezieht sich nicht nur auf das urgrüne Thema Umwelt- und Klimaschutz, sondern vor allem auf das Thema Diskriminierung. Seit Hanau denkt sie sich: Jetzt erst recht.

Die 46-Jährige weiß, wovon sie spricht. Sie hat als schwarze Frau ihre eigenen Erfahrungen gemacht – auch in Kassel. Da hat sie gemerkt, dass „nicht alle gleich sind“. Bei der Wohnungssuche zum Beispiel: Am Telefon, so berichtet sie, sei immer noch alles in Ordnung gewesen, aber vor Ort hätte es dann doch Vorbehalte gegeben. Irgendwann habe sie ihren Mann machen lassen. Auch an der Bushaltestelle sei sie diskriminiert worden – im Beisein ihres mittlerweile zehn Jahre alten Sohnes. Das hat sie besonders verletzt.

Sie hat festgestellt, dass der Ton in den vergangenen Jahren rauer geworden ist, die Diskriminierung offener. Sie sagt: „Meinungsfreiheit wird oft mit Respektlosigkeit übersetzt.“ Die Kasseler Rechtsanwältin, deren Fachgebiet das Ausländer- und Asylrecht ist, will nun verstärkt auch auf der politischen Ebene dagegen ankämpfen.

Mitte der 80er-Jahre kam sie als Kind einer Flüchtlingsfamilie aus dem ostafrikanischen Eritrea nach Deutschland – in ein Dorf in der Nähe von Heidelberg. Wenn Awet Tesfaiesus gefragt wird, warum sie bei den Grünen aktiv ist, dann kommt sie auf diese Zeit zurück. Sie, so erzählt sie, hatte eine Klassenkameradin, die alle immer ein wenig ausgelacht hätten – auch deshalb, weil der Garten der Familie nicht so geordnet war, wie das den damaligen Vorstellungen entsprach. Die Klassenkameradin ließ sich nicht beirren und kämpfte für grüne Werte. Das hat Awet Tesfaiesus imponiert.

Seit 2016 sitzt sie in der Stadtverordnetenversammlung. Damals deutete sich an, dass die AfD erstarkt. Das war der Punkt, an dem sie dachte, sich vermehrt einschalten zu müssen. In den vergangenen fünf Jahren hat sie sich bei den Grünen einen Namen gemacht. Jetzt ist sie die Spitzenkandidatin, wobei sie auf die Doppelspitze mit Boris Mijatovic verweist, der auf Platz zwei der Liste steht.

Sie merkt, dass sie jetzt stärker wahrgenommen wird. Das ist die Folge einer bewussten Entscheidung, die sie mit ihrem Mann getroffen hat: weniger Zeit für die Arbeit in der gemeinsamen Kanzlei, mehr Zeit für die Politik. Als Probleme der Stadt sieht sie auch die Wohnungsnot an, das soziale Gefälle zwischen West und Ost innerhalb Kassels. Die Stadt müsse darauf reagieren. Sie will dabei mithelfen, auch dies zu verändern.

Bei der Reihenfolge der Porträts orientieren wir uns an der Reihenfolge der Listen auf dem Wahlzettel. Morgen stellen wir Patrick Hartmann von der SPD vor.

Von Florian Hagemann

Hinweis in eigener Sache: Für die Aussagen in den Kandidatenvideos sind ausschließlich die Kandidaten und Parteien verantwortlich.

Alle Kandidatenporträts finden Sie hier.

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