Nach 30 Jahren Haft

Sterben im Gefängnis? Herzkranker hofft auf vorzeitige Entlassung

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Seit einigen Monaten kann er die Freiheit schnuppern: Der Häftling Eugen Stephan ist derzeit Freigänger. Der 56-Jährige saß insgesamt 30 Jahre im Gefängnis.

Kassel/Baunatal. Der 56-jährige Eugen Stephan hat Angst. Angst davor, hinter Gittern zu sterben. Über die Hälfte seines Lebens hat der Mann, der an einer Herzschwäche leidet und demnächst operiert werden soll, im Gefängnis verbracht. Die letzten 30 Jahre, mit einer kurzen Unterbrechung zwischen den Jahren 2000 und 2003, war er in Haft.

Das Landgericht Kassel und die Staatsanwaltschaft Fulda haben konträre Ansichten darüber, ob der Mann noch gefährlich ist und ob er vorzeitig entlassen werden darf. Darüber muss demnächst das Oberlandesgericht Frankfurt entscheiden.

Stephan ist zu mehreren Zeitstrafen verurteilt worden, unter anderem wegen Zuhälterei, Raub, Brandstiftung, Betrugs und versuchten Totschlags. „Durch mich ist aber nie ein Mensch zu Tode gekommen und ich bin niemals zu einer lebenslänglichen Haft verurteilt worden.“ Kürzlich hat Stephan, der seit drei Monaten im Freigängerhaus der Justizvollzugsanstalt Kassel I in Baunatal untergebracht ist, bei der Strafvollstreckungskammer des Landgerichts Kassel einen Antrag auf vorzeitige Entlassung gestellt. Seine Haft hätte er im Dezember 2015 komplett verbüßt.

Die Strafvollstreckungskammer beschloss, dass der 56-Jährige vorzeitig in Freiheit unter Auflagen entlassen wird, wie Dr. Jan Blumentritt, Sprecher des Landgerichts, auf Anfrage der HNA bestätigt. Der zuständige Richter habe den gleichen positiven Eindruck von dem Häftling gewonnen wie der Gutachter, der empfohlen habe, dass Stephan ein halbes Jahr vor seiner Entlassung in den offenen Vollzug kommt. Aufgrund der Herzerkrankung und der bevorstehenden Operationen ist der Richter zu dem Entschluss gekommen, ihn jetzt schon zu entlassen. Dagegen haben ursprünglich die Staatsanwaltschaften in Cottbus und Fulda, wo Stephan vor Jahren angeklagt war, Beschwerde eingelegt. Cottbus hat aber inzwischen die Beschwerde zurückgezogen. Dort hatte Stephan vor rund 20 Jahren ein Auto gestohlen. Staatsanwalt Horst Nothbaum: „Das ist ja eine uralte Geschichte.“

Die Staatsanwaltschaft Fulda geht allerdings weiterhin gegen Stephans Entlassung vor. Dort interpretiert man das Gutachten ganz anders als am Kasseler Landgericht. „Wir sehen keine günstige Sozialprognose“, sagt Harry Wilke, Sprecher der Staatsanwaltschaft. Stephan war im Juli 2004 in Fulda wegen Betrugs zu vier Jahren und drei Monaten verurteilt worden.

Stephan vertritt die Ansicht, dass seine vorzeitige Entlassung im Sinn der Resozialisierung wäre. „Irgendwann sollte es doch mal gut sein. Es gibt keinen Grund, die Reststrafe von einem Jahr noch zu vollstrecken.“ Am meisten Angst hat er aber vor der Herzoperation. „Ich habe nicht 30 Jahre gesessen, um jetzt ins Gras zu beißen.“

Von Ulrike Pflüger-Scherb

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