Interview mit Annette Schwindt

Nach Kasseler Facebook-Fall: "Gesetze gelten auch im Internet"

Kassel. Das Foto eines blutüberströmten Mannes in einer Straßenbahn in Kassel hat bei Facebook Anfang dieser Woche für Aufsehen gesorgt. Annette Schwindt, Beraterin für digitale Kommunikation, gab uns dazu ein Interview.

Ein Nutzer behauptete nämlich, dass der Mann von sechs mit Messern bewaffneten Nazis angegriffen worden sei. Diese Nachricht verbreitete sich schnell im Internet. In Wirklichkeit hat es solch einen Übergriff aber gar nicht gegeben. Zwei aus Algerien stammende Männer, die in der Bahn unterwegs waren, hatten sich gegenseitig verletzt. Wie es zu der Verbreitung von Falschmeldungen im Internet kommt und was man dagegen tun kann, darüber sprachen wir mit Annette Schwindt, Beraterin für digitale Kommunikation, Bloggerin und freie Journalistin.

Wie können sich solche Falschmeldungen so rasend schnell verbreiten? 

Annette Schwindt: Der Kommunikationswandel durch soziale Netzwerke hat dazu geführt, dass alle, die in der Lage sind, online zu gehen, online auch etwas veröffentlichen können. Jeder kann heutzutage also das machen, was früher Journalisten vorbehalten war. Vielen fehlt allerdings das nötige Vorwissen, wie zum Beispiel über Persönlichkeitsrechte am eigenen Bild. Viele denken, dass das Internet ein rechtsfreier Raum ist.

Und da darf man dann Falschmeldungen verbreiten?

Annette Schwindt

Schwindt: Natürlich nicht, auch im Internet gelten Gesetze. Die meisten Nutzer prüfen allerdings den Wahrheitsgehalt einer Meldung nicht beziehungsweise hinterfragen die Quelle nicht. Wenn ein Freund, dem man ja vertraut, etwas postet, dann muss das ja stimmen. Das wird dann geteilt, andere Freunde teilen die Nachricht ebenfalls. Das ist ein Effekt wie bei fallenden Dominosteinen. Es gibt ja auch Menschen, die denken, dass alles stimmt, was in der Zeitung steht und im Fernsehen gezeigt wird. Wenn in einem Beitrag keine Quelle genannt wird, sollte man generell misstrauisch sein.

Die meisten Menschen lernen aber nicht, dass Quellen hinterfragt werden müssen. 

Schwindt: Mangelnde Medienkompetenz ist ein großes Problem. Es fängt ganz langsam an, dass Medienkompetenz an den Schulen unterrichtet wird. Allerdings besitzen die meisten Lehrer diese Kompetenz auch nicht. Da müsste man sich eigentlich externe Kräfte holen, die kosten aber Geld. Einige Lehrer nutzen Social Media nicht, anderen wird verboten, sich bei Facebook unter einem Klarnamen anzumelden oder sich mit ihren Schülern dort zu befreunden. Viele Behörden haben immer noch nicht verstanden, welche Dimension der Kommunikationswandel hat. Und so ist Deutschland immer noch ein digitales Entwicklungsland, und zwar auf allen Ebenen.

Dabei kann der falsche Umgang mit Social Media fatale Folgen haben, wie das Kasseler Beispiel gezeigt hat. 

Schwindt: Das ist richtig. Wir haben ein Spannungsverhältnis zwischen technischen Möglichkeiten und der mangelnden Medienkompetenz. In dem Kasseler Fall hätte der Allererste, der das bei Facebook gepostet hat, den Verletzten fragen müssen, ob er ihn überhaupt fotografieren und das Foto veröffentlichen darf. Anschließend hätte er in Erfahrung bringen müssen, was dort wirklich passiert ist.

Viele Nutzer sind sich nicht der Folgen ihres Handelns bewusst. Was raten Sie? 

Schwindt: Ich stelle eine einfache Frage: Würden Sie das auch auf einem Marktplatz mit vielen Menschen laut rufen, was Sie da auf Facebook posten? Das Social Web ist ein öffentlicher Raum! Viele sind sich nicht bewusst, dass sie durch solche Veröffentlichungen sich und andere Menschen in Schwierigkeiten bringen können. Jemand hatte ja in dem Kasseler Fall gepostet, dass sein Onkel der behandelnde Arzt des Opfers gewesen sei und hatte die Verletzungen aufgezählt. Dass er den Onkel, falls er wirklich der Arzt gewesen ist, damit wegen Verstoß gegen die ärztliche Schweigepflicht in Schwierigkeiten bringen könnte, ist demjenigen wohl nicht bewusst gewesen.

Hinzu kommt, dass es sich in Kassel um ein brisantes Thema gehandelt hat. 

Schwindt: Wenn in Zeiten von Pegida die Leute lesen, dass ein Ausländer von Nazis verletzt worden sei, reagieren die meisten emotional und wollen sich natürlich auch darüber austauschen. Durch das Teilen des Beitrags wollten die Menschen eigentlich etwas Gutes erreichen, nämlich auf Ungerechtigkeit und eine Straftat hinweisen. Aber statt das auf Facebook zu posten, hätten sie sich lieber direkt an die Polizei wenden sollen.

Von Ulrike Pflüger-Scherb

Zur Person:

Annette Schwindt (42) ist ausgebildete Zeitungsredakteurin und arbeitet jetzt als freie Journalistin und als Beraterin für digitale Kommunikation. Im Internet ist die Bloggerin bekannt als schwindt-pr. Ihr Blog „In Sachen Kommunikation“ existiert seit 2009 und gehört zu den Top Ten der deutschsprachigen Social-Media-Blogs. Mit ihrer Arbeit will Annette Schwindt anderen helfen, Anschluss an den sich rasant weiterentwickelnden Kommunikationswandel zu finden und Berührungsängste gegenüber den digitalen Medien abzubauen. Schwindt lebt in Bonn.

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