Nach Mord an Regierungspräsident Walter Lübcke

Im Angesicht des Terrors: Stadt rückt enger zusammen - Eindrücke aus Kassel

+
Im Fokus: Dieses Hinweisschild steht in Freienhagen und verbindet die beiden Orte, die zuletzt im Mittelpunkt des bundesweiten Interesses standen.

Der Mord an Walter Lübcke liegt sechs Wochen zurück. Kassel ist so ins Zentrum der Medien gerückt. Wie steht die Stadt nun da? Eindrücke von innen und außen.

Jeden Morgen, wenn Thomas Bockelmann, der Intendant des Staatstheaters, mit dem Rad zur Arbeit fährt, muss er an Walter Lübcke denken. Sein Weg führt hinter dem Regierungspräsidium vorbei, wo vor einigen Wochen bei einem Sturm eine große Eiche umfiel. Eine Delle im Geländer zeugt immer noch davon.

Bockelmann hat dies bei der Kundgebung am 27. Juni vor 10.000 Menschen am Regierungspräsidium* erzählt. Er sagte auch: „Walter Lübcke war wie ein Baum. Er war ein großer, zugewandter, bodenständiger, humorvoller Mann mit Zivilcourage. Und dass diese ihn wohl das Leben gekostet hat, möge dafür sorgen, dass wir alle nur noch couragierter werden.“

Es war die emotionalste Rede dieses Nachmittags. Bockelmann hat vielen aus dem Herzen gesprochen. „Ich habe wahnsinnig viel Lob bekommen“, sagt der 64-Jährige. Dieses Lob sei selbst von Leuten gekommen, von denen er es nie erwartet hätte. Er erzählt von einer Frau, die seit 14 Jahren sein Theater besucht, „aber alles scheiße findet“. Diese Frau kam nach der Kundgebung zu Bockelmann und sagte: „Das war eine wirklich tolle Rede.“

Thomas Bockelmann, Intendant des Staatstheaters Kassel.

Auch Bockelmanns erwachsene Tochter Antonia war beeindruckt. Sie bekannte aber: „Papa, jetzt habe ich Angst um dich.“ Im September bringt das Staatstheater die Protokolle des NSU-Prozesses auf die Bühne. Manche Mitarbeiter fragten den Intendanten, der selbst mitwirkt, ob das Haus nicht Polizeischutz brauche. Bockelmann ist nicht eingeschüchtert. Er will, dass alle zusammenrücken und so standhaft bleiben wie Walter Lübcke.

#Zusammen sind wir stark: Fotos zur Kundgebung in Kassel finden Sie hier.

10.000 Menschen demonstrieren in Kassel

Vielleicht ist das eine Antwort auf die Frage, ob sich Kassel in den vergangenen sechs Wochen verändert hat: dass es zusammengerückt ist, dass 10.000 Menschen auf der Straße ein Zeichen gesetzt haben – gegen Rechtsextremismus, aber auch gegen die aufkommende Meinung in überregionalen Medien, Kassel sei eine braune Stadt. Und gegen so manche Befürchtung, dass Kassel angesichts des Neonazi-Netzwerks, das gerade enttarnt wird, in einem braunen Sumpf versinken könnte.

Ehemaliger„Geo“-Chefredakteur Peter-Matthias Gaede.

Der ehemalige „Geo“-Chefredakteur Peter-Matthias Gaede hält diese Sichtweise „für fahrlässig und dumm“. Sie sei das Ergebnis einer „der Provinz misstrauenden Medienberichterstattung, die sich um Fakten nicht wirklich schert“. Die Fakten sehen für den Wahl-Hamburger so aus: Bei der Europawahl* haben die Grünen in Kassel fast 31 Prozent erreicht, die AfD landete bei nur 7,5 Prozent.

Gaede hat nicht vergessen, was Politiker der Rechtspopulisten so alles gesagt haben. Unter anderem hat ein AfD-Mann rechtsextremistischen Terror als Vogelschiss bezeichnet. Auch gegen solche Reaktionen sei die Stadtgesellschaft aufgestanden: „Kassel ist wahrlich nicht Dresden.“ Für Schuldgefühle sieht der 68-Jährige keinen Grund: „Die neue Wachsamkeit, ein neues Nachdenken über den Zustand Deutschlands könnte auch von Nordhessen ausgehen. Es wird darauf ankommen, nicht zu vergessen.“

Kassel fast täglich in den Nachrichten ein Thema

Jemand, der sich mit dem Erinnern auskennt, ist der Historiker Dietfrid Krause-Vilmar, der unter anderem die NS-Vergangenheit Kassels erforscht hat. Auch der 79-Jährige war am 27. Juni auf der Kundgebung, die für ihn ein wichtiges Zeichen war: „Ich glaube, es ist allen bewusst geworden, dass wir aufwachen müssen. Wenn wir jetzt nicht aufwachen: Gute Nacht, Demokratie.“ Dies ist die Botschaft, die in diesen Tagen von Kassel in das Land gesendet wird.

Kassel hält dagegen in Tagen, in denen es im Zentrum der Berichterstattung ist. Fast kein Tag vergeht ohne einen Beitrag in den Hauptnachrichten zum Mord an Walter Lübcke. Selbst im Ausland interessiert der Fall. Geht das spurlos an einer Stadt vorbei?

Moderator der NDR-Talkshow: Hubertus Meyer-Burkhardt

Hubertus Meyer-Buckhardt war mal so etwas wie der Botschafter Kassels. Auch in der „NDR Talk Show“ hat der Moderator und Produzent Werbung für seine Heimatstadt gemacht. Mittlerweile ist der 62-Jährige nur noch selten hier. Der erste Mord an einem Politiker durch Rechtsextreme in der Geschichte der Republik, glaubt er, „verändert auch die Gegend, in der das passiert ist. Sie hat ein Stück weit ihre Unschuld verloren. Wir wurden quasi in die Realität gebombt“.

Forstfeld: Menschen beschäftigt die Folgen des Hochwassers

Das ist die Annahme des Außenstehenden. Wie aber sieht es vor Ort aus – in dem Stadtteil, der plötzlich damit leben muss, dass in der Nachbarschaft ein Neonazi gewohnt hat, der den Regierungspräsidenten ermordet haben soll?

Hannelore Diederich muss es wissen. Sie war mal Ortsvorsteherin dieses Stadtteils, der sich Forstfeld* nennt, und in gewisserweise liegt hier schon das Problem, wie die 70-Jährige bemerkt. Es gibt das alte Forstfeld – und es gibt den Lindenberg, der offiziell zu Forstfeld zählt, aber eine andere Welt darstellt.

Auf dem Lindenberg stehen vornehmlich Einfamilienhäuser – wie jenes von Stephan Ernst und seiner Familie, das nach seiner Festnahme in fast allen Zeitungen zu sehen war. Im alten Forstfeld stehen Hochhäuser wie jene in der Heinrich-Steul-Straße.

In einer dieser Wohnungen lebt auch Hannelore Diederich – seit 1974. Erstbezug. Sie kann daher viel über die Probleme der Menschen hier erzählen, über die Apotheke, über die Eisdiele, über das Leben in diesem – wie sie sagt – bürgerlichen Stadtteil. Aber sie kann nichts über Stephan Ernst sagen. „Er ist schlicht kein Thema hier“, sagt sie. Das bezieht sich auf das alte Forstfeld, aber es bestätigt auch die Eindrücke vom Lindenberg, auf dem selbst die Nachbarn nicht wirklich wissen, wer Stephan Ernst ist.

Hannelore Diederich sagt: „Das, was die Leute hier wirklich beschäftigt, sind die Folgen des Hochwassers.“ Es ist im Mai über den Stadtteil hereingebrochen. Der Mordfall Lübcke? Weit weg.

Soko "Liemecke": "Sicherheitslage hat sich nicht geändert"

Bei Torsten Werner sieht das ganz anders aus. Er ist der Sprecher der örtlichen Polizei und seit dem Mord an Walter Lübcke auch Sprecher der eingerichteten Sonderkommission „Liemecke“*, die mittlerweile 70 Ermittler umfasst. In Werners Büro im Polizeipräsidium Nordhessen gegenüber vom Hauptbahnhof steht ein Fußball-Pokal. Seine Kollegen und er haben ihn bei einem Benefizturnier für krebskranke Kinder gewonnen – neulich erst. Ansonsten blieb Werner zuletzt nicht viel Freizeit. Der Juni bescherte ihm eine Zahl an Überstunden, die er lieber nicht verrät.

Sprecher der Sonderkommission "Liemecke" der Polizei Nordhessen: Torsten Werner.

Der Mord an Walter Lübcke fordert die Ermittler in einem bis dahin fast unerreichten Maß. Nur: Verändert ihre Arbeit auch das Stadtbild? Täuscht der Eindruck, dass plötzlich viel mehr Polizeibeamte auf Kassels Straßen zu beobachten sind?

Bei der Antwort auf diese Frage verweist Werner auf die Häufung der spektakulären Fälle in letzter Zeit. Der Mord an Walter Lübcke, der versuchte Überfall auf den Juwelier in der Königsstraße, dazu kommen die Kontrollen am Stern. All das führe zu viel Polizei-Präsenz auf der Straße, sagt Werner in seiner Funktion als Sprecher des Polizeipräsidiums Nordhessen.

Hinzu komme ein besonderer Effekt: Die Menschen nähmen die Beamten stärker wahr, weil sie durch die Medien mit den Kriminalfällen permanent konfrontiert würden. Dabei hält Werner fest: „Die Sicherheitslage hat sich nicht geändert. Es gibt keine Gefahrenerhöhung.“

Werner spricht auch nicht von einer Ausnahmesituation, sondern von einer besonderen Lage. Das wird nach außen deutlich, aber auch nach innen. Der Mord an Walter Lübcke ist das Gesprächsthema Nummer eins im Polizeipräsidium, er fordert die ganze Polizei. Aus vielen Abteilungen sind Kollegen in die Soko berufen worden; die Zahl der Überstunden steigt.

Aber: „In den Ermittlern stecken der Wille und die Motivation, den Fall aufzuklären“, sagt Werner, der hinzufügt: „Auch die Familien der Beamten müssen in dieser Zeit viel aushalten.“ Umso wichtiger sind Ermittlungserfolge. „Sie lösen große Euphorie aus, und der Stolz ist zu spüren“, sagt Werner.

Mordfall Lübcke auch in Kassels Nordstadt Thema

Diese Euphorie strahlt nach innen, nach außen können sie das Vertrauen in die Ermittlungsarbeit erhöhen – und damit das Gefühl der Sicherheit. Wer zuletzt durch Kassel gegangen oder gefahren ist, traf eben auch auf Menschen, die verunsichert waren, die Angst hatten. Der Gedanke, dass es hier ein Netzwerk an Rechtsextremen gibt, hat viele aufgeschreckt – zumal Erinnerungen an die Verbrechen des Nationalsozialistischen Untergrunds aufkommen.

Ali Timtik, Mitglied im Ortsbeirat Nord-Holland

„Auf den ersten Blick ist das wie der NSU – nur mit anderen Namen“, sagt Ali Timtik. „Allerdings tauchen die alten Bekannten wieder auf.“ Timtik ist Mitglied im Ortsbeirat Nord-Holland und betreibt ein Lokal in unmittelbarer Nähe des Halitplatzes.

In der Nordstadt sei der Mordfall Lübcke überall Gesprächsthema. Und gerade in dem Stadtviertel, in dem Halit Yozgat* ermordet und somit Opfer des NSU wurde, sind die Geschehnisse aus dem Jahr 2006 noch besonders präsent, viele sähen Parallelen. Der Mordfall Lübcke habe Betroffenheit hervorgerufen, aber auch das Thema Rechtsextremismus noch stärker in den Fokus gerückt, sagt Timtik.

Gerade Menschen mit Migrationshintergrund hätten Angst, die sich durch die Aktualität verstärkt hätte. Auch Timtik nimmt sich da nicht aus. Schon als das Urteil im NSU-Prozess fiel, sagte er, dass dies nur ein scheinheiliger Schlussstrich sei. Nach dem Mordfall Lübcke sieht er sich darin bestätigt.

Ausstellung zum NSU im Stadtmuseum

Es ist Zufall, dass es in diesen Wochen eine Ausstellung im Stadtmuseum gibt, die sich mit dem NSU befasst. Sie zeigt beeindruckende Bilder der einzelnen Tatorte, aufgenommen von der Fotografin Regina Schmeken. Als die Ausstellung eröffnet wurde, war trotz diverser Vermutungen noch nicht sicher, dass ein Rechtsextremer Walter Lübcke erschossen haben soll.

Nun sagt Regina Schmeken: „Ich hätte nicht gedacht, dass dieses Thema noch einmal die Brisanz erhält, die es jetzt hat.“ Diese Tat passt für die Berlinerin auch nicht zu ihrem Bild, das sie von Kassel hat. „Ich habe den Eindruck, dass Kassel eine Stadt ist, in der viele kulturinteressierte Menschen leben. Von rechten Strömungen habe ich nichts wahrgenommen.“

Kai Füldner: Stadt habe sich zuletzt positiv entwickelt

Die Auffassung teilt Museumsleiter Kai Füldner der die Bezeichnung „braunes Kassel“ absurd findet, ohne zu verkennen, dass es Probleme mit Rechtsextremen gibt. „Aber diese Probleme haben andere Städte auch.“ Er bezeichnet das, was passiert ist, als „unverdienten Nackenschlag“ für eine Stadt, die sich zuletzt so positiv entwickelt hat.

Kai Füldner, Leiter des Kasseler Stadtmuseums.

Deshalb war er froh, dass bei der Kundgebung vor dem Regierungspräsidium so viele Menschen eine Reaktion gezeigt und deutlich gemacht hätten: „Wir lassen uns das nicht gefallen.“ Insofern hat Kassel ein Zeichen gesetzt. Ein Schlussstrich unter die vergangenen Wochen, die so viel verändert haben, war die Veranstaltung aber nicht. Für den 20. Juli haben sich die Rechten angekündigt.*

Von Matthias Lohr, Florian Hagemann und Kathrin Meyer

Das könnte Sie auch interessieren:

Schüsse in Wächtersbach: Schütze prahlt in Stammkneipe mit der Tat

Nach dem Mordversuch an einem jungen Eritreer kommenimmer erschreckender Details ans Licht. So soll der Schütze in seiner Stammkneipe mit der Tat geprahlt haben.

*HNA.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.