Polizist aus Nordhessen berichtet aus Hamburg

Nach dem Polizeieinsatz zum G20-Gipfel: „Solche Eindrücke muss man erst mal verdauen“

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War im Einsatz beim G 20-Gipfel in Hamburg: Polizeihauptkommissar Michael Bammel gehörte zu einer Alarmhundertschaft, die am Freitag noch angefordert wurde.  

Kassel. Polizeihauptkommissar Michael Bammel aus Kassel ist einer von rund 100 Polizeibeamten aus Nordhessen, die am vergangenen Wochenende einen Einsatz beim G 20-Gipfel in Hamburg hatten.

Wir sprachen mit dem 46-jährigen Polizisten über diesen Einsatz, der durch die Krawalle und Ausschreitungen derzeit alle innenpolitischen Debatten bestimmt.

Haben Sie sich für den Einsatz in Hamburg freiwillig gemeldet?

Michael Bammel: Ich bin gezielt angesprochen worden, ob ich mitfahren könnte, wenn unsere Alarmhundertschaft nachträglich angefordert wird. Als wir dann tatsächlich am Freitagvormittag erfuhren, dass wir in Hamburg gebraucht werden, war das schon überraschend.

Und dann ging alles ganz schnell?

Bammel:Ja, der ganze Einsatz war ja vorstrukturiert. Um 14 Uhr sind wir von Kassel aus losgefahren. Mit Blaulicht über die Autobahn 7. Zweieinhalb Stunden später waren wir dann in Hamburg.

Was gehörte zu der Aufgabe der Hundertschaft aus Nordhessen?

Bammel:Wir waren für den Raum- und Objektschutz in der Hamburger Innenstadt eingesetzt. Am Freitag zunächst auf der Reeperbahn in St. Pauli, wo wir unter anderem dafür sorgen sollten, dass die Davidswache nicht angegriffen wird. Wir haben ja schon früher die Erfahrung gemacht, dass Polizeiwachen gern zum Ziel von gewalttätigen Personen werden.

Aber dort sind sie nicht vom Schwarzen Block angegriffen worden?

Bammel:In dem konkreten Bereich sind wir ungeschoren davon gekommen. Wir wurden weder angegriffen, noch mussten wir eine Intervention starten. Zwischendurch standen wir immer mal wieder in Kontakt mit anderen Kollegen aus Hessen und aus den übrigen Bundesländern und hörten, wie viele Verletzte in ihren Reihen sind.

In der Nacht zum Sonntag wurde die Lage dann für ihre Hundertschaft brenzliger.

Bammel: Ja, da waren wir zum Raumschutz im Schanzenviertel eingeteilt und mussten miterleben, wie das ist, mit Steinen, Flaschen und Feuerwerkskörpern beworfen zu werden. Ein Kollege von mir hat beobachtet, wie jemand aus einem Fenster gezielt Böller auf unsere Hundertschaft geschmissen hat.

Hatten Sie in diesen Augenblicken Angst?

Bammel: Ich hatte persönlich keine Angst, aber Respekt vor dem ganzen Einsatz. So eine Fahrt nach Hamburg ist nicht vergleichbar mit einem Schulausflug. Alle Kollegen waren sehr konzentriert. Und es gab auch eine hohe Motivation in unserer Hundertschaft, die aus Kollegen verschiedenen Alters und aus verschiedenen Präsidien zusammengewürfelt war. Da gab es keinen, der gesagt hat, ich kann das nicht. Man darf nicht vergessen, dass viele einen Tag zuvor noch ihren ganz normalen Dienst gemacht haben.

Was können Sie über die Leute sagen, von denen die Polizei angegriffen wurde?

Bammel:Es war schwer, zu unterscheiden, wer gut oder wer böse ist. Bei diesem riesigen Einsatz war auch ganz normales Publikum unterwegs. Auf der Reeperbahn wurden sogar noch Junggesellenabschiede gefeiert. Und im Schanzenviertel waren viele szenetypische Leute auf der Straße, die nicht vermummt waren. Aber es ist ja auch eine Taktik des Schwarzen Blocks, sich während einer Demo umzuziehen und zu vermummen, um später die Schals und Sturmhauben ins Gebüsch zu werfen.

Was hat Sie am meisten beeindruckt?

Bammel: Die krassen Gegensätze. Auf der einen Seite wurden wir im Schanzenviertel mit Feuerwerkskörpern beworfen und es war klar, dass uns die Menschen hier nicht mögen. Solche Eindrücke muss man erst mal verdauen. 500 Meter weiter an der Alster haben sich die Bürger bei uns für unseren Einsatz bedankt. Man darf auch nicht vergessen, wie viele Demonstranten in Hamburg unterwegs waren, die friedlich gewesen sind.

Es gab nach den Krawallen auch Politiker von den Grünen und den Linken, die die Polizei für ihre Vorgehensweise kritisiert haben. Wie haben Sie das empfunden?

Bammel:Ich bin seit 26 Jahren bei der Polizei und kenne solche Vorwürfe. Von daher sehe ich das gelassen. Was mich an dieser Debatte stört, ist die Pauschalisierung. Wenn man sagt, dass nur die einen oder die anderen für die Eskalation zuständig sind, macht man es sich zu einfach.

Wo waren Sie eigentlich untergebracht?

Bammel: In Containern einer ehemaligen Flüchtlingsunterkunft des DRK in Bad Segeberg. Das klingt auf dem ersten Blick dramatisch, war aber für uns ausreichend. Wir haben ja ohnehin nur wenig geschlafen. Zudem war es super, wie die Ehrenamtlichen für uns die Betten hergerichtet und für uns Frühstück zubereitet haben. Das hat mich schwer beeindruckt.

Sie sind am Sonntagabend zurück nach Kassel gekommen. Wie fühlen Sie sich jetzt?

Bammel: Ein bisschen Nachwehen hat solch ein Einsatz schon. Wenig Schlaf und viel auf den Beinen beziehungsweise unterwegs. Da wird der Körper zwangsläufig irgendwann müde und braucht Ruhe.

Zur Person

Polizeihauptkommissar Michael Bammel (46) ist seit 1991 bei der Polizei. Seit Kurzem ist der Mann, der in Kassel lebt, in der Abteilung Presse- und Öffentlichkeitsarbeit für die Sozialen Medien (Facebook und Twitter) zuständig. Davor war Bammel bei der Abteilung Einsatz und im Polizeirevier Nord.

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