Nach Schlecker-Insolvenz: Einst Filial-Chefin, nun Verkaufshilfe? - eine Betroffene erzählt

+
Kämpft für ihre Würde: Elvira Nelle-Nuffer (38) hat 17 Jahre im Einzelhandel gearbeitet. Trotzdem sind ihre Chancen auf eine mit dem Schlecker-Job vergleichbare Anstellung gering.

Fuldatal. Die insolvente Drogerie-Kette Schlecker ist aus den Schlagzeilen und mit ihr die Frauen, die ihre Stelle verloren haben. In Stadt und Altkreis Kassel wurden zwölf Filialen geschlossen. Wir trafen eine der arbeitslos gewordenen Frauen.

Dreimal hatte sie gehofft, dreimal wurden ihre Hoffnungen zerstört: Als Elvira Nelle-Nuffer aus Ihringshausen hörte, dass Schlecker Filialen schließen will, bangte sie um ihren Arbeitsplatz in Immenhausen. Ihre Stelle wurde gestrichen.

Als die 38-Jährige mit ihren Kolleginnen für eine Auffanggesellschaft kämpfte, endete dies in einer Niederlage. Und als sie sich von der Arbeitsagentur eine neue berufliche Perspektive ersehnte, setzte einmal mehr Ernüchterung ein.

„For you. Vor Ort - fort“

Den Humor hat die verheiratete Mutter eines Sohnes nicht verloren. Sie verballhornt den Werbespruch ihres alten Arbeitgebers: „For you. Vor Ort - fort“. Zehn Jahre hatte sie für die Drogerie-Kette gearbeitet, sieben davon hat sie die Filiale in Immenhausen geleitet. Ende März war dort ihr letzter Arbeitstag. Mit ihr wurden drei Mitarbeiterinnen arbeitslos.

Lesen Sie auch:

- Schlecker streicht Abfindungsangebote

- dm-Boss macht Schlecker-Frauen Hoffnung

- Kritik an Schlecker-Insolvenzverwalter

- Ein Abschied mit Tränen: Schlecker schließt für immer

17 Jahre Erfahrung als Verkäuferin im Einzelhandel, zuvor bei einem Möbelgeschäft, hatte sie bei ihrem Erstgespräch bei der Arbeitsagentur vorzuweisen. Geholfen hat ihr die Erfahrung wenig. Die Beraterin schmiss sie ins kalte Wasser: „Sie sagte mir, ich solle mich bei einer Zeitarbeitsfirma als Verkaufshilfe im Blumenhandel bewerben. Größere Chancen hätte ich angesichts des Stellenmarkts und meiner Qualifikation nicht.“ Verdienst: 7,50 Euro die Stunde. Bei Schlecker lag ihr Stundenlohn bei 13,50 Euro.

Der 38-Jährigen wurde nach dem Gespräch klar, dass sie jetzt eine von vielen Kundennummern ist. Sie ringt um Würde. Weil sie den Beruf der Einzelhändlerin nicht in einer Lehre, sondern in der 17-jährigen Praxis erlernt hatte, wurde ihre bisherige Tätigkeit im Online-Profil beim Arbeitsamt als „Verkaufshilfe“ beschrieben. Auf ihre Beschwerde hin und nach HNA-Anfrage wurde der Eintrag inzwischen in „Filialleitung“ geändert.

In Maßnahme geparkt

Nun steckt Elvira Nelle-Nuffer im Dschungel der sogenannten Maßnahmen. Ihr Kurs dauert acht Wochen und heißt: „Maßnahme zur sozialen und beruflichen Integration.“ Im Auftrag der Arbeitsagentur schulen Dienstleister Arbeitslose. Ziel soll es sein, die Teilnehmer so fortzubilden, dass sich ihre Chancen auf einen Job erhöhen.

„Wer in Maßnahmen steckt, ist raus aus der Arbeitslosenstatistik“, sagt Harald Fennel, Geschäftsführer von Ver.di Nordhessen. So könnten sich die Politiker zurücklegen und sagen: Seht, wir brauchten keine Transfergesellschaft, die Schlecker-Frauen sind untergekommen.

Die Ihringshäuserin hält wenig von ihrer Fortbildung. Insbesondere das integrierte dreiwöchige, unbezahlte Praktikum stößt ihr sauer auf: „Ich habe genug Praxiserfahrung im Handel.“ Sinnvoller fände sie eine Schulung am Computer oder an Computerkassen, solche gab es bei Schlecker nämlich nicht.

Jede dritte Stelle in Zeitarbeit

Die Arbeitsagentur Kassel zeigt sich offen: Sie könne ihre Maßnahme umwandeln. Ob sich ihre Chance auf eine mit dem Schlecker-Job vergleichbare Anstellung deutlich erhöht, ist ungewiss. Jede dritte freie Stelle in der Region ist eine Zeitarbeitsstelle.

Von Bastian Ludwig

Fotos aus dem Archiv: Schlecker-Betriebsversammlung in Kassel

Schlecker: Betriebsversammlung in Kassel

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.