Im Kasseler Justizzentrum werden alle Besucher am Eingang auf Waffen kontrolliert

Nach Schüssen in Dachauer Gericht: So wird in Kassel kontrolliert

Kassel. Keiner hatte damit gerechnet: Während einer gewöhnlichen Amtsgerichtsverhandlung in Dachau zog am Mittwoch ein 54-Jähriger plötzlich eine Waffe und erschoss einen jungen Staatsanwalt. Wir fragten aus diesem Anlass nach, wie es um die Sicherheit in Kasseler Gerichten bestellt ist.

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„Bei allen größeren Gerichten in Hessen sind Einlasskontrollen Standard“, erläuterte Landgerichtspräsident Dr. Wolfgang Löffler. Im Justizzentrum an der Frankfurter Straße, wo Land- und Amtsgericht sowie die Staatsanwaltschaft ansässig sind, müssen Besucher – wie auf Flughäfen – ihre Taschen durch ein Durchleuchtungsgerät schicken und einen Metalldetektorrahmen passieren. Gegebenenfalls kontrolliert das Wachpersonal durch Abtasten und mit einer Handsonde nach. Werden etwa Scheren oder Taschenmesser entdeckt, müssen diese am Eingang gelassen werden.

Wenn Prozesse mit einer gewissen Brisanz anstehen, wird laut Löffler zusätzlich vor den Gerichtssälen kontrolliert, zudem seien verdeckte Aufpasser im Gebäude unterwegs. Das sei zuletzt vor ein paar Wochen der Fall gewesen, bei einem Verfahren „mit Bezug zu der Rockergruppe Hell’s Angels“.

Hohe Standards in Hessen

Löffler schätzt die Sicherheitsstandards an hessischen Gerichten als relativ hoch ein. 1997 waren die Kontrollregeln unter dem grünen Justizminister Rupert von Plottnitz verschärft worden. Anlass dafür war eine Bluttat vor einem Frankfurter Familiengericht gewesen, ähnlich gelagert wie jetzt der Fall in Dachau.

Dr. Wolfgang Löffler

In der Justizpraxis komme es immer mal vor, „dass plötzlich ein Angeklagter ausflippt“, sagt der Landgerichtspräsident. Richtig gefährlich sei es dabei im Kasseler Justizzentrum bislang noch nicht geworden. Aufmerksamkeit hatte Ende der 1990er-Jahre allerdings ein tätlicher Angriff auf einen Richter ausgelöst: Während eines Mordprozesses war einer der Angeklagten auf den Vorsitzenden losgegangen und hatte ihn mit einem Kugelschreiber im Gesicht verletzt.

Trotz aller Kontrollen könne es in einem so großen Gebäudekomplex wie dem Justizzentrum keine hundertprozentige Sicherheit geben, sagt Löffler: „Theoretisch könnte ja jemand die Schleuse passieren und dann in die Kantine gehen, um sich dort ein Messer zu besorgen.“ Oder irgendwo ein Fenster öffnen, um sich von außen eine Waffe zuwerfen zu lassen.

Das Grundproblem sei, dass Wahnsinnstaten in der Regel nicht dort passierten, wo die spektakulärsten Fälle verhandelt würden, sondern wo man es am allerwenigsten erwarten würde. „Da bleibt nur die Hoffnung“, sagt der Landgerichtspräsident, „dass die Tat von Dachau ein bedauerlicher Ausnahmefall bleibt.“

Von Axel Schwarz

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