Nach Problemen mit OP-Besteck: Neustart am Klinikum und teure Folgen

Kassel. Zunächst einmal die wichtigste Nachricht für Patienten: Eine Gesundheitsgefährdung durch Ablagerungen an Operationinstrumenten des Kasseler Klinkums hat nach bisherigem Kenntnisstand offenbar zu keinem Zeitpunkt gegeben.

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Und: Nach und nach können so ab nächster Woche wieder mehr Patienten auf dem Möncheberg operiert werden. Denn noch gestern abend sollte die Zentralsterilisation zur Reinigung und Aufbereitung von OP-Bestecken nach zehn Tagen Zwangsstillstand wieder in Betrieb gehen. Doch ist auch in den nächsten Wochen noch mit Einschränkungen beim Operationsbetrieb zu rechnen. Und die Folgen der jüngsten Ereignisse werden für das Klinikum teuer.

Zwei Millionen für die Prüfung

Die Auswirkungen der zeitweiligen Schließung der zentralen Abteilung für die Reinigung und Aufbereitung von Operationsbestecken können das Klinikum am Ende mehrere Millionen Euro kosten. Allein die Prüfung und Aufarbeitung aller Operationsbestecke bei den Herstellern werden rund zwei Millionen Euro verschlingen.

Wie hoch der Umsatzverlust durch ausgefallene Operationen sein werden, lasse sich erst in einigen Monaten sagen, sagte Klinikum-Geschäftsführer Dr. Gerhard Sontheimer gestern bei einer Pressekonferenz. Das Klinikum habe zusätzlich in die Zentralsterilisation investiert, um den gesamten Reinigungsprozess umzustellen und so alle potenziellen Fehlerquellen auszuschalten.

Dies seien Vorsichtsmaßnahmen, denn es gebe bislang keinen eindeutigen Hinweis darauf, wie die Ablagerungen auf den Instrumenten entstanden sein könnten. Man wisse heute nur, dass diese aus Silikaten (Minerale) und Eisenteilchen bestanden.

Was ihn jetzt am meisten bedrücke, sei die Frage, was diese Ereignisse, die in der Öffentlichkeit große Aufmerksamkeit fanden, für die Wahrnehmung des Klinikums in der Bevölkerung und die Attraktivität des Krankenhauses der Maximalversorgung bedeute, sagte Sontheimer. „Wir können belegen, dass wir eine hervorragende Qualität haben“, sagte der Klinikum-Chef mit Blick auch auf geringe Infektionsraten. Nachdem am 1. Februar bei einer Begehung durch Prüfer des Regierungspräsidiums und des Gesundheitsamtes an mehreren Instrumenten Ablagerungen und Verfärbungen festgestellt wurden, war die Sterilisationsabteilung am Klinikum vorsorglich außer Betrieb genommen worden.

Bei einer vorherigen Begehung am 8. Dezember hatte es keine Beanstandungen im Hinblick auf den Reinigungs- und Sterilisationprozess gegeben. Warum es eine kurzfristige neue Begehung gab, konnte nicht beantwortet werden. Dass diese Begehung - wie berichtet - im Zusammenhang mit einem an das Klinikum Fulda ausgeliehenen OP-Besteck stehe, bezweifelt die Klinikleitung.

In den nächsten Wochen müssen sicher weitere Kliniken damit rechnen, unter die Lupe genommen zu werden. Auch nach den Hygieneproblemen in Fulda hatte Hessen Sozialminister Stefan Grüttner (CDU) die Gesundheitsämter aufgerufen, Kliniken vermehrt zu überprüfen.

Noch fehlen Bestecke zum Operieren

In den nächsten Wochen wird es im Operationsbetrieb des Kasseler Klinikums weiter zu Einschränkungen kommen. Erst in voraussichtlich vier bis sechs Wochen könne man wieder das volle Operationsprogramm fahren.

Zwar soll die Zentralsterilisation wieder im vollem Umfang einsatzfähig sein, doch es fehlt noch an den benötigten Instrumenten. Denn seit der vorübergehenden Schließung der Abteilung zur Reinigung und Aufbereitung von Operationsbestecken lässt das Klinikum alle Instrumente von den Herstellerfirmen prüfen und aufbereiten. 450 OP-Sets, sogenannte Siebe, seien bereits an die Hersteller gegangen, sagte Geschäftsführer Dr. Gerhard Sontheimer.

Dieser Artikel wurde um 19.10 Uhr aktualisiert.

Freitag sollten noch einmal 120 Siebe weggeschickt werden. Bisher seien erst 30 von den Herstellern freigegebene OP-Sets wieder am Klinikum eingegangen. Was noch fehlt, sind aber Spezial-Instrumente, sagte der Ärztliche Geschäftsführer Prof. Dr. Gerhard Deinsberger. Im Moment könne man deshalb nur das operieren, wofür Instrumentarien vorhanden seien. „Wir geben uns große Mühe, so rasch wie möglich wieder für alle Notfälle Ansprechpartner zu sein,“ sagte Deinsberger.

In den ersten Tagen nach der Schließung der Zentralsterilisation und zwei kleinerer Sterilisationseinheiten habe man mit zehn Eingriffen täglich nur einen extrem eingeschränktes OP-Programm fahren können. Inzwischen würden wieder rund 30 Patienten täglich operiert. Normalerweise zählt man allein im zentralen Operationsbereich des Klinikums täglich 50 bis 60 chirurgische Eingriffe. Verwendet habe man während des Notprogramms nur freigegebene eigene und Einmal-Bestecke.

Von den Leihbestecken, die andere Kliniken zur Verfügung gestellt hatten, habe man kein einziges verwendet, weil sie den Qualitätsmaßstäben nicht genügten, sagte Sontheimer. Der Klinik-Chef dankte allen Mitarbeitern, die mit großem Engagement und rund um die Uhr daran gearbeitet haben, dass die Zentralsterilisation des Klinikums innerhalb relativ kurzer Zeit wieder voll in Betrieb gehen kann. (hei)

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