„Wir waren mitten im Krieg“

Kassel: Paar flieht aus Afghanistan - und will nun heiraten

Asib Malekzada und seine Verlobte Pari (Pseudonym) sind zurück in Deutschland, nachdem sie aus Kabul Afghanistan fliehen mussten.
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Asib Malekzada und seine Verlobte Pari (Pseudonym) sind zurück in Deutschland, nachdem sie aus Kabul (Afghanistan) fliehen mussten.

Ein Kasseler und seine Verlobte gehören zu den Menschen, die Mitte August noch von der Bundeswehr aus Kabul ausgeflogen wurden. Wir erzählen ihre Geschichte.

Kassel – Asib Malekzada aus Kassel braucht einen Moment, um zu beantworten, wie es ihm geht. „Wir kommen langsam an“, sagt er dann. Mitte August waren der 32-jährige Kasseler und seine Verlobte von der Bundeswehr aus Kabul ausgeflogen worden. Die Bilder, die sich auf ihrer Flucht ins Gedächtnis gebrannt haben, sind mitgekommen und dämpfen die Vorfreude auf die bevorstehende Hochzeit.

Als die Taliban immer mehr Städte in Afghanistan eroberten, war Malekzada nach Kabul geflogen, um Pari aus dem Land zu holen. Pari ist ein Pseudonym, welches wir zum Schutz ihrer zurückgebliebenen Familie verwenden. Schon im Juli 2020 hatte er einen Antrag gestellt, sie nach Deutschland holen zu dürfen. Passiert ist nichts.

Trick rettet Kasseler und Verlobten bei Flucht aus Kabul vermutlich das Leben

Auch als die Taliban die afghanische Hauptstadt einnahmen, waren sie auf sich allein gestellt. „Das Auswärtige Amt hat deutlich gemacht, dass es uns erst helfen kann, wenn wir auf dem militärischen Teil des Flughafens sind“, berichtet Malekzada. Der Weg dorthin wurde ein lebensgefährlicher Trip ins Ungewisse.

Mit einem Taxi hatten sie bereits zwei Checkpoints der Islamisten passiert. Pari saß auf der Rückbank, vollverschleiert. Am dritten Kontrollpunkt warteten mehr als 20 Männer, die schweren Waffen auf das Auto gerichtet. Ein Taliban riss die Beifahrertür auf. Wäre Malekzada ausgestiegen, sei er jetzt tot, sagt er.

Sein SPD-Parteibuch rettete ihnen das Leben. Mitgenommen hatte er es, um beim konsularischen Dienst vor Ort beweisen zu können, dass er ein engagierter Bürger ist und es sich um keine Scheinehe handelt. Geistesgegenwärtig hielt Malekzada dem Taliban das rote Büchlein vor das Gesicht und brüllte: „Ich bin deutscher Diplomat!“

Kasseler schildert dramatische Flucht aus Kabul: „Wir waren mitten im Krieg“

Der Mann begutachtete es nicht, schlug die Tür wieder zu und ließ sie weiterfahren. „Die Chance, dass das nach hinten los geht, lag bei 99,9 Prozent“, sagt Asib Malekzada.

Kurz darauf spielten sich die Szenen ab, die Malekzada in seinen Träumen verfolgen. „Nachdem wir ausgestiegen waren, haben wir drei Stunden bis zum Tor gebraucht.“ Sie kämpften sich durch die Menge Tausender verzweifelter Menschen. Weinende Kinder suchten ihre Eltern, Menschen lagen tot oder bewusstlos am Boden. „Hätten wir angehalten, um zu helfen, wären wir selbst hingefallen“, sagt Malekzada mit bebender Stimme.

Am Tor blockierten Amerikaner den Zugang. „Die waren alle sehr jung und komplett überfordert.“ Schüsse, Schreie und Militärhelikopter über den Köpfen, die Staub aufwirbelten, bestimmten die Szenerie. Ein Soldat schlug Malekzada auf die Brust und das Ohr, er und Pari fielen hin. „Wir waren mitten im Krieg.“

Am Flughafen: Diese Aufnahme ist vor dem Abflug entstanden.

Freude über Flucht aus Kabul - dennoch bleiben massive Spuren zurück

Irgendwie schaffte es Pari, an den Beinen der Soldaten vorbei auf die andere Seite zu krabbeln und Hilfe zu holen. Wenige Minuten später zog ein US-Soldat Asib Malekzada aus der Menge. Hinter den Amerikanern, die alles kontrollierten, standen dann auch Soldaten anderer Länder, auch aus Deutschland. „Sie waren sehr herzlich und haben sich gekümmert“, sagt er. Pari und Asib Malekzada standen auf der Liste für den nächsten Flug.

Als sie etwa sieben Stunden später über das Rollfeld zum Militärflugzeug liefen, das sie nach Taschkent in Usbekistan bringen sollte, hörten sie die Schreie der Menschen vor den Toren. Malekzada wusste: Die werden es nicht schaffen. Dieser Gedanke lässt ihn auch zurück in Kassel nicht mehr los. Als der Airbus A400M abhob, brachen Jubel und Freudentränen unter den 229 Passagieren aus.

Zurück in Deutschland erreichten Malekzada Nachrichten aus aller Welt, die Mut spendeten und Solidarität ausdrückten. Medienanfragen überrollten ihn, es gab auch Hassnachrichten. Nun sind die Gedanken des jungen Paares vor allem bei seiner Familie. Die 24-Jährige hat ihre Eltern und zwei jüngere Geschwister zurücklassen müssen. Der Bruder (21) traut sich nicht mehr an die Uni – aus Angst, von den Taliban mitgenommen zu werden. Die Träume der 17-jährigen, künstlerisch begabten Schwester haben sich über Nacht in Luft aufgelöst. Sie darf nicht mehr zur Schule, hat all ihre Malereien aus Angst vor den Taliban zerstört.

Neuanfang in Kassel: Krieg in Afghanistan hat viele Hoffnungen zerstört

Pari selbst hatte in Kabul Jura studiert und dann als Richterin gearbeitet. In Deutschland möchte sie erst mal die Sprache lernen, später vielleicht eine Ausbildung machen. „Afghanistan hatte sich zuletzt sehr gut entwickelt. Frauen durften ausgehen und Freundinnen treffen. All das wurde innerhalb von Stunden ausgelöscht“, sagt sie zu Asib Malekzada, der ins Deutsche übersetzt. Kassel gefällt ihr, sie fühlt sich sicher.

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Die Gedanken aber sind in Kabul. „Wir hatten riesiges Glück. Afghanistan wird unter den Taliban leiden, das werden wir irgendwann auch wieder in Europa zu spüren bekommen“, sagt Asib Malekzada. (Gregory Dauber)

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