Kinder starben in einer Badewanne

Tragödie durch Stromschlag: Rätseln über Schutzschalter

Kassel. Die Staatsanwaltschaft Kassel hat einen Sachverständigen damit beauftragt herauszufinden, wie die beiden Geschwister am Sonntagmittag durch einen Stromschlag in der Badewanne ums Leben kommen konnten.

Eigentlich hätte es aus technischer Hinsicht zu dem Unglücksfall gar nicht kommen können. Der HNA liegen Informationen vor, dass bei einer Ortsbegehung am Montagnachmittag in der Wohnung an der Hersfelder Straße festgestellt wurde, dass alle elektrischen Anlagen in dem Bad ohne Mängel gewesen seien. Auch der FI-Schutzschalter, der Stromunfälle in Wanne und Dusche verhindern soll, habe funktioniert. Bei der Staatsanwaltschaft konnte am späten Montagnachmittag dazu keine Stellung mehr genommen werden.

Fest steht: Die Elektroanlagen des drei Quadratmeter großen Badezimmers seien komplett modernisiert worden, bevor der Vater der Kinder im Juni 2011 in die 51 Quadratmeter große Wohnung an der Hersfelder Straße eingezogen sei, sagt Peter Ley, Geschäftsführer der Gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaft (GWG), der die Mehrfamilienhäuser in Rothenditmold gehören. Damals sei auch ein FI-Schutzschalter installiert worden.

„Wenn dieser Schalter korrekt eingebaut worden ist, dann hätte das nicht passieren dürfen“, sagt Wolfgang Dünkel, Sprecher des Verbands der Elektrotechnik (VDE) Kassel.

Die GWG sei nicht verpflichtet gewesen, die Elektroanlage im Badezimmer des Hauses aus dem Jahr 1938 zu modernisieren, sagt Ley. In dieser Wohnung habe man sich beim Mieterwechsel allerdings dazu entschieden.

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Nicht alle Mieter an der Hersfelder Straße hätten Badezimmer mit neuen Elektroanlagen. Bei Nachbar Andreas Stolkmann ist noch nichts modernisiert worden. „Die sollten das schon mal überprüfen. Leitungen und Steckdosen in meinem Bad entsprechen nicht der Norm, die heute üblich ist“, sagt der Mann. Als er am Sonntag den Hubschrauber hörte und dann die vielen Polizisten und Nachbarn vor dem Haus sah, habe er zunächst gedacht, dem 47-jährigen Vater sei etwas passiert, sagt Stolkmann. Dessen Kinder habe er ein paar Mal gesehen, wenn sie den Vater besucht hätten.

Der Vater soll am Sonntagmittag für 20 Minuten das Haus verlassen haben, als der Sohn (6) und die Tochter (4) allein in der Wanne saßen. Den Ermittlern habe er erklärt, er habe sich am Bahnhof nach Zugverbindungen erkundigen wollen, sagt Dr. Götz Wied, Sprecher der Staatsanwaltschaft Kassel. Eigentlich habe er die Kinder am Abend zurück zur Mutter nach Hamburg bringen wollen.

Die Eltern leben getrennt, nach dem Besuchs- und Umgangsrecht habe es eine Wochenendregelung gegeben.

Hintergrund: Nachrüsten von Schutzschaltern ist kostengünstig möglich

Auch bei älteren Häusern zum Beispiel aus der Vorkriegszeit bestehe die relativ kostengünstige Möglichkeit, Fehlerstromschutzschalter mit maximal 30 mA Nennfehlerstrom nachzurüsten, sagt Wolfgang Dünkel, Sprecher des Verbands der Elektrotechnik (VDE) Kassel.

Das sei zumindest für Badezimmer empfehlenswert, um dort Gefahren durch den Gebrauch mehr oder weniger offener elektrischer Geräte (wie zum Beispiel Fön und Rasierapparat) zu mindern oder sogar auszuschließen. Zudem gebe es auch nachrüstbare Steckdosen mit eingebauten Fehlerstromschutzschaltern.

In Häusern ab 1984 sind diese Fehlerstromschutzschalter zumindest für Räume mit Badewanne oder Dusche vorgeschrieben, seit 2009 für alle Neubauten generell für Steckdosenstromkreise.

Ein Fehlerstromschutzschalter (heute als FI oder RCD bezeichnet) gemäß DIN VDE 0100-410 schalte in der Praxis bei Auftreten eines nach Erde abfließenden Stromes (in diesem tragischen Fall also über das Wasser in der Badewanne zu den geerdeten metallenen Rohrverbindungen) innerhalb von 20 - 40 Millisekunden, also in 0,02 - 0,04 Sekunden, ab und schütze den Menschen.

Gleiches gelte, wenn das Gerät einen inneren Isolationsfehler hat und das metallene und mit dem Schutzleiter verbundene Gerätegehäuse berührt werde, sagt Wolfgang Dünkel.

Von Ulrike Pflüger-Scherb

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Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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