Nach vier Wochen Straßensperrung

Verkehrsversuch am Stern: Geschäftsleute ziehen Bilanz

Experiment lief bis zum Wochenende: Die Untere Königsstraße zwischen Stern und Holländischem Platz war am Samstagmittag noch autofrei. Das ändert sich mit Beginn dieser Woche wieder.
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Experiment lief bis zum Wochenende: Die Untere Königsstraße zwischen Stern und Holländischem Platz war am Samstagmittag noch autofrei. Das ändert sich mit Beginn dieser Woche wieder.

Die probeweise Sperrung der Unteren Königsstraße am Stern für Autos ist nach vier Wochen zu Ende gegangen. Eine erste Bilanz betroffener Geschäftsanlieger.

Kassel – Samstagmittag am Stern auf der Unteren Königsstraße, wo bis zum Wochenende (3.10.2021) das vierwöchige Autofrei-Experiment lief: Am Rand der verkehrsberuhigten Fahrbahn tragen Menschen ihre Einkäufe heim. Von den vielen Tischen, die die Döner-Imbisse und Cafés herausgestellt haben, ist etwa ein Viertel mit Gästen besetzt, die das Wochenende einläuten.

Nahe der früheren Post amüsiert sich eine Handvoll Jungs beim Zielwerfen. Dort sind an einem rosa Gerüst zwei Körbe wie beim Basketball montiert. Schilder erläutern, dass Passanten dort bereitgestellte Tennisbälle einwerfen sollen – rechts oder links, je nachdem, ob der Verkehrsversuch Anklang findet. Diese Intention kümmert die Jungs nicht, sie benutzen die Station rein sportlich. Beide Körbe sind augenscheinlich gleich hoch gefüllt.

Dass ein 50:50 auch immer noch der Haltung der gewerblichen Anlieger zu dem Projekt entspricht, glaubt Tobias Pitsch vom Elektrogeschäft EP Pitsch. Er selbst war vorab skeptisch, nach den Eindrücken der letzten Wochen habe sich das auch „nicht grundlegend geändert“, sagt er.

Zwar habe er nicht die befürchteten Einbußen wegen fehlender Parkmöglichkeiten gehabt. „Die Leute kommen nach wie vor gezielt zu uns.“ Aber er sehe auch nicht, dass der Verkehrsversuch ein anderes Publikum animiert hätte, auf der verkehrsberuhigten Meile zu bummeln – abgesehen von den speziell Interessierten oder Beteiligten einiger Belebungs-Veranstaltungen. „Das ist genau dasselbe Klientel geblieben. Aber es gibt hier auch einfach nicht die geschäftliche Attraktivität, damit auch andere kommen“, sagt Pitsch.

Dass die Stadt etwas ausprobiert, sei erst mal positiv. Aber als reine Fußgängerzone hat der Bereich seiner Ansicht nach keine Perspektive: „Autoverkehr muss weiter möglich sein“, damit die Meile auch aus der Perspektive von Durchfahrenden auf dem Radar bleibe. Was sich Pitsch gut vorstellen könnte: eine Umgestaltung nach dem Vorbild der Friedrich-Ebert-Straße mit breiten Flanier-Bürgersteigen, Fahrradwegen und Kurzpark-Buchten.

Nurullah Yurddas vom türkischen Restaurant Saraykapi hat von zahlreichen kritischen Stimmen aus der geschäftlichen Nachbarschaft gehört, aber selbst während der Beruhigungsphase „nur gute Erfahrungen gemacht“, wie er erzählt. Eigens für den Versuch hat der Gastronom 10 000 Euro für eine Markise über seinen Außentischen investiert: „Die sind jetzt immer voll, wenn das Wetter mitspielt.“ Verkehrslärm und Abgase seien weniger geworden. Am liebsten würde Yurddas an der Straße eine richtige Gastro-Terrasse bauen, sagt er. Am Stern könne sich viel zum Positiven ändern – „wir müssen aber auch was dafür tun.“

Haben die Geschäfts-Anlieger das getan, etwa die Sperrungszeit genutzt, um sich mit gemeinsamen Aktionen ins Gespräch zu bringen? Yurddas lacht: „Hier gibt es keine Teamarbeit, jeder sieht jeden als Gegner.“ Daran könne ein so kurzes Experiment nichts ändern. „Von heute auf morgen wird das nichts,“ meint der Gastronom.

Yusuf Tosun betreibt seinen Stern-Markt gegenüber schon fast 40 Jahre. Mit der Versuchsphase sei er gut klargekommen, weil seine Anlieferer täglich bis 11 Uhr vor den Laden fahren durften. Dass der morgendliche Aufbau seiner üppigen Obst- und Gemüseauslage einmal nicht durch geparkte Autos behindert wurde, fand er positiv.

Wären solche Verkehrsbedingungen auf Dauer okay für ihn? „Wenn das weiter so läuft, hätte ich nichts dagegen“, sagt Tosun, der als Kaufmann vieles mitbekommt: „Ich habe gehört, die wollen das unbedingt machen.“

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