Nachbarn nach dem Familiendrama: „Eine liebevolle Mutter“

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Zeichen der Trauer: Vor dem Haus der Familie W. im Stadtteil Bad Wilhelmshöhe sind zahlreiche Kerzen aufgestellt worden. Auch Blumen wurden niedergelegt. Nachbarn haben sich nun in einem Brief an die Öffentlichkeit gewendet.

Kassel. Am vergangenen Sonntag hat ein 42-Jähriger in Kassel-Bad Wilhelmshöhe seine drei und fünf Jahre alten Söhne erschlagen und sich anschließend selbst gerichtet. Mit Rücksicht auf die Privatsphäre der Hinterbliebenen hatte sich die Redaktion der HNA entschieden, die Berichterstattung nicht weiter auszudehnen.

Von den Nachbarn der Familie wurde der Wunsch an uns herangetragen, sich über die HNA an die Öffentlichkeit zu wenden. Den Brief drucken wir an dieser Stelle in voller Länge ab.

Brief der Nachbarn

Als betroffene Nachbarn möchten wir jetzt, da sich die Sprachlosigkeit langsam löst, unserer Trauer um die beiden Kinder Paul und Julius und unserem tiefen Mitgefühl für Frau W. Ausdruck geben.

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In der Berichterstattung stand wahrheitsgemäß, dass die Familie vor eineinhalb Jahren in das Haus gezogen sei. Richtig ist aber auch, dass sie zuvor bereits mehr als drei Jahre nur 100 Meter weiter in einem Reihenhaus um die Ecke gewohnt hat und sich die Familie ebenso wie die in der Straße wohnenden Bewohner noch immer als Nachbarn empfunden haben.

In diesen Jahren ist eine nachbarschaftliche Verbundenheit zu der ganzen Familie gewachsen und gepflegt worden. Wir kennen Frau W. als voll berufstätige Frau, die ihren großen Anteil zur materiellen Sicherung der Familie beigetragen hat, Arbeits- und Freundschaftskontakte pflegt und im nachbarschaftlich-sozialen Umfeld voll präsent ist.

Wir haben nicht nur den Hausmann und Vater wahrgenommen, sondern auch sie als fürsorgliche und liebevolle Mutter hier in der Straße mit ihren Kindern spielend erlebt, wir haben mit der Familie Straßenfeste gefeiert, mit Frau W. beim Nachbarschafts-Doppelkopfturnier Karten gespielt, haben gegenseitig Gemüse aus dem Garten und Rezepte getauscht. Frau W. ist eine offene und lebensfrohe Frau, die in unsere Nachbarschaft integriert ist.

Wenn in der Zeitung die Frage danach gestellt wird, „warum die Mutter die Familie verlassen hat“, schnürt sich uns das Herz zusammen. Ganz anders hätte es geklungen, wenn man gelesen hätte: „Über den Trennungsgrund der Eheleute liegen keine Erkenntnisse vor.“

Entspricht es etwa nicht verantwortungsvollem Handeln, wenn bei einer Trennung zunächst einmal die Angelegenheiten geregelt werden müssen und die Kinder dabei nicht aus ihrem häuslichen Umfeld gerissen werden und abwarten zu wollen, bis klare (Wohn-)Verhältnisse geschaffen sind?

In diesem Zusammenhang von „Familie verlassen“ zu sprechen, lässt andere Assoziationen zu und wirft unseres Erachtens ein Licht auf Frau W., das ihr nicht gerecht wird.

Wer wagt denn auch nur im Entferntesten daran zu denken, dass jemand zu solch einer aggressiven Handlung fähig ist, nicht nur an sich selbst, sondern auch an die eigenen Kinder Hand anzulegen?

Unser Anliegen ist, das schiefe Bild, das über Frau W. in der Öffentlichkeit entstanden sein mag, hiermit gerade zu rücken.

Die Nachbarn (Namen der Verfasser sind der Redaktion bekannt.)

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