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Awet Tesfaiesus: Nachdenklich in der großen Maschinerie

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Von: Florian Hagemann

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Abgeordnete in Berlin: Awet Tesfaiesus im Jakob-Kaiser-Haus in Berlin, wo sie auch ihr Büro hat.
Abgeordnete in Berlin: Awet Tesfaiesus im Jakob-Kaiser-Haus in Berlin, wo sie auch ihr Büro hat. © Florian Hagemann

Was machen die Bundestagsabgeordneten aus Kassel eigentlich in Berlin? Wir stellen sie und ihre Arbeit vor. Zu Besuch in der Hauptstadt – heute bei Awet Tesfaiesus von den Grünen.

Berlin – Awet Tesfaiesus hat an diesem Tag eine Gruppe internationaler Künstler zu Gast: Menschen aus Deutschland, aus den USA, aus Namibia, aus Benin, aus der ganzen Welt. Das Thema lautet Erinnerungskultur, und die Bundestagsabgeordnete aus Kassel ist dazu da, Fragen zu beantworten: Es geht dabei auch um den Mord an Kassels Regierungspräsident Walter Lübcke, um die Attentate in Halle und Hanau.

Tesfaiesus, gebürtig im heutigen Eritrea, sitzt am Kopf eines Besprechungsraums im Berliner Jakob-Kaiser-Haus – dort, wo sie auch ihr Büro hat. Sie spricht ein bisschen über sich, über ihre Betroffenheit und über die Möglichkeiten des Bundes, eine Erinnerungskultur zu schaffen – das alles auf Englisch. Sie macht das überaus routiniert, konzentriert. Nach einer Stunde trennen sich die Wege wieder. Es ist einer von vielen Terminen.

Ein Jahr ist Tesfaiesus jetzt schon im Bundestag, über die Landesliste der Grünen hat die Kasseler Rechtsanwältin ein Mandat ergattert. Nun vertritt sie den Werra-Meißner-Kreis und den Kreis Hersfeld-Rotenburg. Aber von vielen wird sie in erster Linie als Kasselerin wahrgenommen. Im vergangenen Jahr war sie noch stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen in der Stadtverordnetenversammlung.

Tesfaiesus hat mittlerweile in ihrem kleinen Büro Platz genommen, ihr Koffer steht noch in der Ecke. Sie ist am Morgen mit dem ersten Zug von Kassel nach Berlin gekommen. Wenn sie ihr erstes Jahr in der Hauptstadt Revue passieren lässt, beschreibt sie das – wie sie es ausdrückt – „Riesenpensum“ eines Abgeordneten. Was für die 48-Jährige aber vor allem neu ist, ist das Tempo der Abläufe. Es geht von einem in den nächsten Termin. „Ich bin es gewohnt, mich intensiv vorzubereiten und bei einem Thema in die Tiefe zu gehen. Das ist hier nicht zu allen Themen möglich. Ich muss manches aus dem Stegreif machen.“

Das ist aber nicht das, womit sie erst noch zurechtkommen muss. Als Anwältin hat sie früher alles selbst gemacht, auch die Schriftsätze geschrieben. Heute ist sie auf andere angewiesen. Sie sagt: „Man fühlt sich insbesondere angesichts der Geschwindigkeit des Geschäfts fremdgesteuert. Da ist es wichtig, ein gutes Team zu haben.“

Tesfaiesus macht den Eindruck, als müsse sie sich erst noch eine gewisse Berliner Härte aneignen – wenn sie das überhaupt will. Als sie noch überlegte, welche Themen sie gern bearbeiten würde, hatten andere in der Fraktion schon Ansprüche gestellt. Es braucht Ellenbogen. Kein Vergleich mit der Zeit als Stadtverordnete in Kassel. „In Berlin ist die Maschinerie doch sehr groß“, sagt sie.

Trotzdem ist sie nicht unzufrieden mit dem, was sie macht – und vor allem nicht mit den Themen, die sie behandelt: Antidiskriminierung, Dekolonialisierung. Sie sitzt im Rechtsausschuss, ebenso im Ausschuss für Kultur und Medien. Sie hat mit den Fragen der großen Kunst zu tun – wie jenen rund um die documenta fifteen. Die ganze Debatte um den Antisemitismus-Eklat fand sie sehr traurig, weil es kein Aufeinanderzugehen gegeben habe. Sie denkt aber generell auch an ihren Wahlkreis: „Man vergisst oft, den ländlichen Raum mitzudenken“, sagt sie. Das bezieht sie auf den Bereich Kultur, aber eben auch auf Themen wie Mobilität und Diversität.

Zumindest am Anfang ihrer Berliner Zeit war Tesfaiesus auch eine Art Symbol, weil sie als erste schwarze Abgeordnete in den Bundestag eingezogen ist. Der Medienrummel war groß, sie hat viele Interviewanfragen bekommen. Ihr war das bewusst, und sie hat so viele wie möglich dieser Gespräche auch wahrgenommen, um dem Thema eine Aufmerksamkeit zu geben. Jetzt hat das Interesse an ihrer Person nachgelassen, das Thema bleibt. Es gibt noch viel zu tun – vor allem, so lange sie die einzige schwarze Abgeordnete ist.

Tesfaiesus will weiterkämpfen für ihre Anliegen. Der rechtsextreme Anschlag in Hanau 2020 hat sie animiert, noch mehr zu tun gegen Fremdenfeindlichkeit und Gewalt. Ihr Wille hat sie bis nach Berlin gebracht. Sie ist dort eine der Nachdenklichen. Sie sagt: „Das Opfer ist sehr groß.“ Immer wenn sie wochenweise nach Berlin fährt, hinterlässt sie in Kassel auch ihren elfjährigen Sohn. Das schmerzt. (Florian Hagemann)

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