Nachlass eines Vielschreibers  - Viele Dokumente in Kassel

Briefe und Notizen des Kasseler Philosophen Franz Rosenzweig werden erforscht

Original-Schriften eines großen Philosophen: Dr. Brigitte Pfeil, Leiterin der Sondersammlungen der Unibibliothek, zeigt die Schriften aus Franz Rosenzweigs Nachlass. Kleines Bild: Franz Rosenzweig auf einer Aufnahme aus dem Jahr 1926. Archivfoto: Koch // Porträtfoto: Hein

Kassel. In Archiven in aller Welt, vornehmlich in der Murhard-Bibliothek, schlummert ein Schatz, der gerade im Begriff ist, gehoben zu werden. Der Historiker Frank Stern, voriges Jahr Inhaber der Rosenzweig-Gastprofessur der Uni Kassel, hat sich an die Aufgabe gemacht, den verstreuten und noch nicht erschlossenen Nachlass von Franz Rosenzweig zu erforschen.

Rosenzweig (1886–1929) wurde in Kassel geboren und sollte zu einem der bedeutendsten Religionsphilosophen werden. Einen Vortrag über erste Ergebnisse seiner Forschungen zum Nachlass hielt Stern jetzt an der Uni Kassel. Der Geschichts- und Kulturwissenschaftler, der an der Uni Wien arbeitet, ist überrascht vom Umfang und berührt vom Inhalt dessen, was er gefunden hat: „Das Bedeutsame am Nachlass Rosenzweigs ist, dass wir Tausende von Dokumenten haben, die auf ein umfassendes kommunikatives Netzwerk schließen lassen.“ Sie würfen ein neues Licht auf die jüdischen Milieus in Kassel und deren intellektuelle Vernetzung, sagt Stern. Ein „bisher nicht geschriebenes Kapitel deutsch-jüdischer Kulturgeschichte“ könne anhand des Nachlasses sichtbar gemacht werden.

Das, was von Rosenzweigs Schriften bisher bekannt und veröffentlicht ist, schätzt Stern auf gerade mal 20 Prozent dessen, was der Vielschreiber je zu Papier gebracht hat. Neben der abgeschlossenen Veröffentlichung seiner großen Werke hat Rosenzweig ein Konvolut an vielfältigen Dokumenten hinterlassen. Vieles davon befindet sich in Kassel: 2006 hat die Uni einen bedeutenden Teilnachlass aus dem Besitz von Rosenzweigs Schwiegertochter Ursula erworben. Es handelt sich um mehrere Tausend Briefe, Fotos und andere Dokumente.

Ein Brief Rosenzweigs an seinen Vetter Rudolf Ehrenberg vom 18. September 1917 gilt als Keimzelle für den „Stern der Erlösung“, Rosenzweigs Schlüsselwerk. Die Arbeit entwickelte sich schließlich während seines Fronteinsatzes im Ersten Weltkrieg auf ungezählten Zetteln. Aber auch in Briefen ließ er Nahestehende an seinen Reflexionen teilhaben und forderte sie auf, ihm zu erwidern. „Er verfügte über ein immenses Kommunikationsnetz“, sagt Stern.

Was den Forscher aus Wien beeindruckt: Vieles von dem, was Rosenzweig aufgeschrieben hat, könne direkt in die heutige Zeit übertragen werden. Über Inhalte und Adressaten möchte er sich jedoch noch nicht auslassen. Nur so viel: Rosenzweig sei auch ein großer Liebender gewesen, der die Gedanken seiner vielen Musen in sein Werk einbezog.

Als Franz Stern 2013 in Kassel war, sei sein erster Impuls gewesen, in der Murhardschen Bibliothek nach Spuren zu suchen, erzählt er. Diese Beschäftigung mit Rosenzweigs Nachlass führte ihn in weitere Archive in Europa, Israel und den USA. „Wir stehen erst am Anfang einer umfassenden Auswertung“, sagt Stern. Nachdem der erste Schritt getan wurde, ist es ihm jetzt wichtig, dass an der Uni Kassel „neue Generationen von Studierenden in die Forschungsarbeit zu Rosenzweig einbezogen werden“.

Von Christina Hein

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.