Nachruf

Ein unangepasster Macher: Soziologe und Kulturschaffender Roland Goldack starb mit 66 Jahren

Das vor einem Monat, im Juli 2021, aufgenommene Foto zeigt Roland Goldack beim Anbringen einer Beuys-Plakette an der Werkstatt Kassel.
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Bis zuletzt aktiv: Das vor einem Monat aufgenommene Foto zeigt Roland Goldack beim Anbringen einer Beuys-Plakette an der Werkstatt Kassel.

Roland Goldack ist tot. Der Soziologe, Pionier in der Kasseler Alternativ-Kultur, Autor und langjährige Geschäftsführer des soziokulturellen Zentrums Werkstatt im Tempelchen an der Stadthalle ist am Mittwoch, 18. August, im Alter von 66 Jahren gestorben.

Kassel. Bis zuletzt war Roland Goldack rührig in seinem künstlerischen und politischen Engagement. Noch im Juli war er federführend mit dabei, als an der Werkstatt eine Plakette mit einem Konterfei von Joseph Beuys angebracht wurde. Beuys und seine Philosophie bildeten einen Grundpfeiler für die 1977 gegründete Kasseler Werkstatt, Goldacks Wirkungsort seit fast drei Jahrzehnten. Corona-Bestimmungen hatte er zuletzt persifliert, indem er Geisterlesungen veranstaltete, die man sehen, aber nicht hören konnte.

Doch sein unermüdlicher Elan, sich künstlerisch, politisch, kritisch einzumischen, konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass Goldack seit Längerem chronisch krank war. Jetzt konnte er sich noch von seiner Familie, zu der zwei erwachsene Söhne und Enkel zählen, sowie von einigen seiner vielen Freunde und Mitstreiter – bei klarem Verstand – in seiner eigenen Wohnung verabschieden.

Roland Goldack, der am 6. August seinen 66. Geburtstag begangen hat, ist in Stuttgart aufgewachsen. Er studierte in Gießen medizinische Soziologie, arbeitete an der dortigen Uni und später im Kasseler psychiatrischen Ludwig-Noll-Krankenhaus. Er war als Betreuer tätig und es war ihm als Anhänger der Frankfurter Schule ein Herzensanliegen, diese Tätigkeit mit kulturellen Aktivitäten zu verknüpfen und Hospitalisierungen zu vermeiden. Die Werkstatt war Stammsitz des von Goldack mitgegründeten Betreuungsvereins und hatte sich zum Kompetenzzentrum für Betreuungsrecht entwickelt.

Vor allem das Schreiben war Goldack, dem Herausgeber mehrerer Anthologien, ein Anliegen. Über Jahre engagierte er sich bei Lesungen und Diskussionen im Offenen Wohnzimmer von Professor Rolf Schwendter. Er bot Alternativen zum Mainstream an, initiierte viele Bewegungen. Bei zahlreichen Gründungen wie der des Autorencafés, des Vereins Essbare Stadt oder der Kasseler Amnesty-International-Gruppe war Goldack maßgeblich beteiligt. Er war in seiner Vielschichtigkeit, seinem Ideenreichtum und seiner Unangepasstheit eine Institution in Sachen nachhaltige Bewegungen in Kassel.

Das Werkstatt-Team ist „komplett geschockt“ vom Tod des unermüdlichen Machers, so Jana Ißleib: „Wir verlieren einen Freund und genialen Menschen. Er war ein Rebell im Kampf für eine bessere Welt. Er besaß Zivilcourage, Mut und war dabei immer positiv.“

Marco Krummenacher, Leiter des Dock 4 und ebenfalls langjähriger Freund von Goldack, sagt: „Er war einer der letzten streitbaren Geister, der die Ideen der 68er-Bewegung hochgehalten hat. Er war menschenfreundlich, hat mit jedem gesprochen und liebte es, stundenlang zu diskutieren. Er setzte sich für Basisdemokratie ein und kämpfte gegen den Neoliberalismus. An dieser Front ist jetzt ein wichtiger Streiter verloren gegangen. Roland konnte wunderbar schreiben und erzählen; man konnte ihm stundenlang zuhören.“ (Christina Hein)

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