Von Stinknasen und kaltem Entzug

„Nasenspray sollte man abschaffen“: Wie gefährlich ist die Sucht wirklich?

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Schon einmal täglich ist zu viel: Länger als eine Woche sollte man Nasenspray nicht benutzen. Das Mittel kann schnell abhängig machen.

Zur kleinen Flasche greifen mindestens 100.000 Deutsche täglich: Nasenspray macht schnell süchtig. Der Kasseler HNO-Arzt Dr. Hans-Werner Schultz nennt das Mittel sogar „völlig unsinnig“.

Der Apotheker reicht Nasenspray über den Tresen und sagt: „Bitte nicht länger als sieben Tage benutzen.“ Der Kunde nickt. "Natürlich", antwortet er. Und denkt sich: „Das hätte ich vor sieben Jahren berücksichtigen sollen.“

Situationen wie diese kennen viele Deutsche: Mindestens 100.000 sind laut Schätzungen der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen abhängig von Nasenspray. Ihre Nasenschleimhaut hat sich so sehr an im Spray enthaltene, abschwellende Mittel wie Xylometazolin gewöhnt, dass es zum sogenannten Rebound-Effekt kommt: Schon kurz nach der Anwendung lässt die Wirkung nach, das Gewebe wird wieder dicker und der Patient braucht noch mehr von seinem Suchtmittel.

Für Betroffene gibt es im Internet sogar Nasenspray-Sucht-Foren. Hier erzählt zum Beispiel Nutzer Lars, er habe in der schlimmsten Phase seiner Abhängigkeit pro Woche anderthalb bis zwei Flaschen Nasenspray verbraucht. Über das Internet bestellte er regelmäßig zehn bis zwölf Flaschen auf einmal. „Im Schnitt habe ich 30 Euro für Sprays im Monat ausgegeben“, schreibt er.

Hans-Werner Schultz

Pharmaunternehmen spielt ein Verhalten wie das von Lars in die Hände, Nasenspray gehört immer wieder zu den bestverkauften rezeptfreien Medikamenten. Aus so manchem Haushalt ist es nicht wegzudenken. Nasic beispielsweise wirbt für sein „Nasenspray für die ganze Familie“ sogar mit Sätzen wie: „In vielen Familien gehört Nasic zum Schnupfen wie die Nudeln auf den Teller.“ Nur, dass dieses täglich Brot schädlich sein kann: HNO-Arzt Dr. Hans-Werner Schultz aus Kassel betont sogar: „Nasenspray sollte man abschaffen.“ Nicht nur, dass es süchtig macht: Es behandle nicht einmal die Infektion, für die es ursprünglich gekauft werde. Statt abschwellender Sprays sollte man besser Nasentropfen verwenden – und das in der Seitenlage über fünf Minuten lang, damit der Wirkstoff auch in die Höhlen vordringt, rät der Arzt.

Was macht Nasenspray eigentlich zum Suchtmittel, wie gefährlich ist es und wie kommt man von dem Zeug wieder los? Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

Nasenspray: Wie oft darf ich es verwenden?

Höchstens eine Woche lang sollten abschwellende Nasensprays benutzt werden – und das nur drei Mal täglich. Die einzige Ausnahme bilden Nasensprays aus Meerwasser, die nicht abhängig machen. Leider wirken diese Mittel aber auch nicht abschwellend.

Nasenspray und Abhängigkeit: Warum macht Xylometazolin süchtig?

Abschwellende Wirkstoffe wie Xylometazolin führen dazu, dass die Gefäße in der Nase verengt werden. Dem Gehirn wird durch längere Benutzung von Nasenspray signalisiert, es brauche keine Botenstoffe auszusenden, damit der Körper die Gefäße selbst verengt. Die Folge: Nachdem die Wirkung des Sprays nachlässt, stellen sich die Gefäße wieder weit – der Mensch will eine neue Nase seiner Droge ziehen. Schultz rät von den Sprays ab. „Sie sind völlig unsinnig“, sagt er. Schließlich liegen die Nasennebenhöhlen oben. „Ein Nasenspray kann nicht in die Zugänge zu den Nasennebenhöhlen kommen.“ Es bewirke nur ein Abschwellen der Nasenmuscheln. Stattdessen sollte man den Facharzt aufsuchen und gegebenenfalls Nasentropfen in der Seitenlage verwenden: So werden auch die Gänge zu den Nasennebenhöhlen frei.

Wie kommt man davon nur wieder los? Wer häufig Nasenspray benutzt, kann unter dem Rebound-Effekt leiden.

Nasenspray: Ab wann bin ich süchtig?

Süchtig ist, wer regelmäßig zum Nasenspray greift. Schon einmal täglich sei zu viel, sagt Schultz. Auch der allabendliche Gute-Nacht-Sprüher sendet dem Gehirn genug Informationen, sodass die körpereigenen Botenstoffe anschließend nicht ausgesendet werden und es zu einem Rebound-Effekt kommen kann.

Welcher Wirkstoff steckt im Nasenspray?

In Nasensprays stecken Wirkstoffe wie Xylometazolin oder Oxymetazolin. Sie bewirken, dass sich Blutgefäße zusammenziehen. So verringert sich die Blutzufuhr, außerdem schwillt das Gewebe ab.

Welche Nebenwirkungen sind bei Nasensprays möglich?

  • Die Nasenschleimhaut kann trocken werden und brennen. 
  • Die Schleimhäute schwellen verstärkt an. 
  • Es kann zu Gesichtsschwellung, Hautausschlag und Juckreiz kommen. 
  • Selten kommen auch Herzklopfen, Herzrasen und Bluthochdruck vor. 
  • Sehr selten sind Unruhe, Schlaflosigkeit, Müdigkeit, Kopfschmerzen und Herzrhythmusstörung.

Nasenspray-Sucht: Was sind die Folgeschäden?

Wer Nasenspray zu häufig benutzt, kann einen dauerhaften Schnupfen bekommen. Wenn Sie diese Symptome kennen, sollten Sie hellhörig werden:

  • Ihre Nase ist häufig verstopft. 
  • Dennoch fühlt sie sich trocken an. 
  • In den Nasenhöhlen bilden sich Borken. 
  • Sie haben häufig Nasenbluten. 
  • Sie sind häufig erkältet.

Nasenspray-Sucht: Bekomme ich jetzt eine Stinknase?

Immer wieder wird im Zusammenhang mit der Nasenspraysucht auch vor dem Phänomen der Stinknase gewarnt: Die Schleimhäute bilden sich zurück und Bakterien siedeln sich in der Nase an. Dadurch riecht sie faulig, ohne dass der Erkrankte den Geruch wahrnimmt. Schultz ist eine Stinknase aufgrund einer häufigen Benutzung von Nasenspray noch nicht untergekommen. Meistens habe er eine Stinknase nach radikalen Nasenoperationen beobachtet.

Nasenspray: Wie bekämpfe ich meine Sucht?

Betroffene sollten einen HNO-Facharzt aufsuchen, rät Schultz. Der untersucht, ob etwa eine Nasenatmungsbehinderung oder eine Allergie vorliegt. Die richtige Behandlung führt laut dem Arzt dann dazu, dass der Patient nicht länger auf sein Nasenspray angewiesen ist.

Für alle, die lediglich nach einer Erkältung am Suchtmittel hängen geblieben sind, hat Schulz einen ganz pragmatischen Tipp: „Man lässt es einfach sein.“

Nasenspray: Wie lange dauert der kalte Entzug?

Wenn keine andere Ursache für die Nasenatmungsbehinderung vorliegt, dauert der kalte Entzug zwei bis vier Wochen, sagt Schultz. Wer von seiner Droge lieber langsam runterkommen will, kann diese Tipps befolgen:

Tipps: Nasenspray abgewöhnen

  • Das Spray abwechselnd nur noch in ein Nasenloch sprühen, um die Häufigkeit des Sprühens zu reduzieren 
  • Zunächst auf ein Spray für Kinder und anschließend auf eines für Babys umsteigen, um den abschwellenden Wirkstoff langsam zu reduzieren 
  • Nasenduschen benutzen: Sie können bei einer gereizten Nasenschleimhaut Abhilfe schaffen. Dafür sollte man 0,9 Gramm Kochsalz in 100 Milliliter Wasser auflösen 
  • Nasensalben und –Öle benutzen 
  • Den Arzt nach einem verschreibungspflichtigen Cortisonspray fragen: Es wirkt ausschließlich lokal, das Cortison im Nasenspray gilt als nicht belastend für den Körper. Es ist antiallergisch, entzündungshemmend und abschwellend, allerdings erst nach regelmäßiger Einnahme. Der Vorteil: Süchtig macht es nicht.

Nasenspray-Sucht: Ist eine OP sinnvoll?

Der Arzt empfiehlt je nach Fall auch eine Operation: Ist die Nase aufgrund einer schiefen Nasenscheidewand häufig verstopft, kann diese begradigt werden. Damit die Atemluft wieder ungehindert fließt, kann auch eine diskrete Nasenmuschelverkleinerung vorgenommen werden.

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