Blumen markieren den Verlauf der Aschrottstraße

Von Nationalsozialisten ausradiert: Verschwundene Straße erblüht

Von der Wilhelmshöher Allee ging früher die Aschrottstraße ab. Das heute noch existierende, schräg stehende Haus Nummer 250 (links im Bild) erinnert an den Verlauf der Straße. Die Aufnahme stammt aus den frühen 1930er-Jahren.

Am 5. Mai jährt sich zum 100. Mal der Todestag des Kasseler Unternehmers Sigmund Aschrott. Eine Straße, die seinen Namen trug, wurde von den Nationalsozialisten ausradiert.

Heute erinnern Blumen an deren Verlauf.

Das ist Erinnern an die Stadthistorie einmal ganz anders: Vor dem Bundessozialgericht (BSG) an der Wilhelmshöher Allee / Graf-Bernadotte-Platz, erstreckt sich ein Band an Osterglocken. Sichtbar ist es nur für kurze Zeit. Nach der Blüte ziehen sich die Blätter ins Erdreich zurück und das Denkmal ist erst wieder im Jahr darauf zu erkennen.

Die Form entspricht einer auf der Liegenschaft diagonal verlaufenden Wegführung. Was viele nicht wissen: Die blühenden Frühlingsboten sollen sichtbar machen, dass hier einmal die Aschrottstraße verlief. Die Nationalsozialisten, die für die Stadt Kassel und namentlich für das Terrain rund um den ehemaligen Bahnhof Wilhelmshöhe bombastische Umbaupläne hatten, radierten hier in den 1930er-Jahren die Aschrottstraße aus, um Platz unter anderem für das Generalkommando, dem späteren Bundessozialgericht, zu machen. Hier sollte ein großes Aufmarschzentrum entstehen. „Diese Historie wollten wir öffentlich machen“, sagt BSG-Sprecher Dirk Felmeden. Bei der Sanierung des Gerichtsgebäudes und der Neugestaltung der Außenanlagen vor sechs Jahren habe man sich bewusst dafür entschieden, den Verlauf der Aschrottstraße durch eine gärtnerische Gestaltung wieder sichtbar zu machen. Eine Idee, die auch die große Zustimmung von BSG-Präsident Peter Masuch fand. In Zusammenarbeit mit den Landschaftsarchitekten Büro Dane in Weimar entstand das lebendige Denkmal.

Aus der Luft zu erkennen: Vor dem Bundessozialgericht sind Blumenzwiebeln gesetzt, wo einst die Aschrottstraße verlief. Nach der Blüte ziehen sich die Blätter jetzt wieder zurück und das lebendige Denkmal wird erst im nächsten Frühjahr sichtbar, wenn die Osterglocken wieder blühen. Foto:  Fischer/ skypic

Die Aschrottstraße begann an der Wilhelmshöher Allee und führte quer durch den Vorderen Westen bis zum Tannenwäldchen. „Mit der Errichtung des Generalkommandos verschwand dieser Teil der Straße und es entstand der Graf-Bernadotte-Platz“, sagt der Historiker und langjährige Leiter der Geschichts-AG an der Albert-Schweitzer-Schule, Wolfgang Matthäus. Das auffällig schräg zur Wilhelmshöher Allee stehende Haus Nummer 250 zeuge noch vom ursprünglichen Verlauf der Aschrottstraße. Während der Nazizeit habe sie ihren Namen verloren. „Nach dem Krieg bezog sich die Rückbenennung nur noch auf den kurzen Teil zwischen Stadthalle und Tannenwäldchen.“

Infotafeln gibt es nicht, erklärt Felmeden: „Es darf gerne nachgefragt werden.“ Bei Führungen durch das Gerichtsgebäude gehe er stets auf die Aschrottstraße und die Vita Sigmund Aschrotts ein.

Er schuf den Vorderen Westen

Am 5. Mai jährt sich der 100. Todestag von Sigmund Aschrott. Der große Sohn der Stadt (geboren 1826), Kaufmann, Industrieller, Verleger und Bankier, hat unter anderem dem Vorderen Westen seine Gestalt verliehen.

Aschrott, Sohn jüdischer Eltern, war erfolgreich in die Fußstapfen seines Vaters getreten und führte das Textilunternehmen der Familie zur Weltgeltung.

Doch der visionäre Aschrott suchte nach neuen Beteiligungsfeldern und wagte sich in die Immobilienbranche. Die Kasseler Altstadt war an ihre Grenzen gestoßen, als Aschrott begann, das damalige Hohenzollernviertel westlich des Zentrums zu erschließen. Das war ein mutiger Schritt, denn es gab zunächst keine Unterstützung durch die Stadtverwaltung. Ab 1860 kaufte Aschrott zwischen Ständeplatz und Querallee im großen Stil Grundstücke.

Die von ihm vorangetriebenen Straßen- und Platzanlagen, Kanalisation sowie Baumpflanzungen wurden anfangs von seinem Baukonsortium, schließlich von ihm allein betrieben. Es entstanden stattliche Wohnungen mit hohen, lichtdurchfluteten Räumen, Grünanlagen, Vorgärten, Alleen und begrünte Plätze. Ziel seiner weitsichtigen und durchdachten Planung, bei der beispielsweise auch auf Sichtachsen zum Herkules großer Wert gelegt wurde, war eine hohe Wohnqualität. Kein Wunder, dass das Hohenzollernviertel schnell zu einem begehrten Quartier wurde und die Grundstückspreise anstiegen.

Da der Westen der Stadt während des Zweiten Weltkriegs weitgehend von Bombardements verschont blieb, ist der heutige denkmalgeschützte Vordere Westen nach wie vor ein beliebter Stadtteil.

Gestorben in Berlin

Obwohl die Stadt dem engagierten Unternehmer viel zu verdanken hat, blieben ihm Ehrenämter versagt. Dies könnte ein Grund dafür sein, warum Aschrott noch im hohen Alter nach Berlin zog, wo er 1907 zum Geheimen Kommerzienrat ernannt wurde. Fast 89-jährig starb er in Berlin, wo er auf dem jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee begraben wurde. Antisemitische Anfeindungen, denen er auch zu Lebzeiten ausgesetzt war, fanden in Kassel ihren Ausdruck, indem die Nazis 1939 den von Aschrott gestifteten Brunnen vor dem Kasseler Rathaus zerstörten.

Zur Erinnerung an die Familie Aschrott lädt der Verein Kassel West zu Stadtspaziergängen ein. Es werden Orte aufgesucht, die mit dem Wirken der Aschrotts verbunden sind. Anhand von Karten und Fotografien wir deutlich, was verschwunden ist und was die Planungen Aschrotts für die Stadt bewirkt haben. Wolfgang Matthäus lädt für Sonntag, 10. und 24. Mai, jeweils 15 Uhr ein, Treffpunkt: Parkstraße / Ecke Westendstraße. Tram 4, 7, 8) und Dr. Bettina Becker führt am Samstag, 16. Mai, ab 15 Uhr, Treffpunkt ist die Stadthalle (Tram 4).

Mehr zu Sigmund Aschrott finden Sie im Regiowiki.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.