Waldschäden

Naturpark Habichtswald baut Blindenpfad in Kassel ab

Das Bild zeigt Per Busch (links) und Jürgen Depenbrock, Geschäftsführer des Naturparks Habichtswald, auf dem Blindenpfad Kassel.
+
Da waren sie noch gemeinsam im Wald unterwegs: Per Busch (links) und Naturpark-Geschäftsführer Jürgen Depenbrock am Blindenpfad in Harleshausen.

Überraschendes Aus für den Kasseler Blindenpfad: Der Naturpark Habichtswald baut bereits das Geländer ab. Die Entscheidung stößt bei Nutzern des Weges in Harleshausen auf Kritik.

Kassel - Der Kasseler Blindenpfad, 1974 als bundesweit erster seiner Art angelegt, wird bald nur noch ein normaler Wanderweg sein. Das kündigt der Zweckverband Naturpark Habichtswald an, der für die Unterhaltung der mehr als zwei Kilometer langen Strecke in Harleshausen zuständig ist.

Mit dem Abbau des Geländers, an dem sich Blinde per Stock auf dem Waldweg orientieren können, ist vergangene Woche begonnen worden. Für die Entscheidung führt Naturpark-Geschäftsführer Jürgen Depenbrock unter anderem die zunehmenden Schäden und Gefahren im Wald sowie die dadurch drohenden Verkehrssicherungspflichten an. Nutzer des Blindenpfads, allen voran der Harleshäuser Per Busch, kritisieren das plötzlich beschlossene Aus.

Nach eigenen Angaben hat der Naturpark bislang versucht, trotz des unwirtschaftlichen Aufwand-Nutzen-Verhältnisses das Geländer nach Verfügbarkeit von Geld und Personal zu erhalten. Mittlerweile schreite aber durch die Trockenheit der Jahre 2018 und 2019 (teils auch 2020) das Waldsterben fort, das Gefahrenpotenzial erhöhe sich drastisch. Waldbesitzer forderten daher inzwischen Gestattungsverträge zur Übernahme der Verkehrssicherungspflicht. Hessen Forst gehe sogar so weit, dass aufgrund der Schäden das Waldstück des Blindenpfades nur noch zur Verfügung gestellt werde, wenn der Naturpark die komplette Verantwortung für die Verkehrssicherheit vertraglich übernehme, berichtet Depenbrock.

„Demnach ist der Zweckverband bei deutlich erhöhtem Gefahrenpotenzial für jegliche Strukturen, die er im Wald installiert, an denen sich Menschen aufhalten und auf deren sicheren Zustand sie vertrauen, verkehrssicherheitstechnisch verantwortlich und rechtlich haftbar“, sagt Depenbrock. Für den Blindenpfad heiße das, man müsse jederzeit sicherstellen, dass (blinde) Menschen, die dem Geländer vertrauten, unbeschadet den Weg begehen könnten. „Das können wir gar nicht.“ Unter diesen Bedingungen sei die Unterhaltung des Blindenpfades nicht länger vertretbar, betont der Naturpark-Geschäftsführer.

Zudem habe der Pfad nach Aufgabe des angeschlossenen Blindenwohnheims seine ursprüngliche Bedeutung verloren. „Letztlich gibt es noch eine blinde Person, die in fußläufiger Entfernung wohnt, durchaus aber in der Lage ist, den Weg auch ohne das Geländer zu laufen.“

Der angesprochene Per Busch nutzt den Blindenpfad seit 2001. Er kritisiert das „Beerdigen“ von Deutschlands erstem Blindenpfad, damit werde eine einzelne Personengruppe benachteiligt. „Das ist Diskriminierung und fehlende Verhältnismäßigkeit“, sagt der 52-Jährige und kündigt eine Petition beim Hessischen Landtag an.

Seiner Ansicht nach nutzt der Naturpark die aktuellen Waldschäden dazu, sich des Blindenwegs zu entledigen. Früher habe dies der Begründer des Pfades, Claus Eichel, durch seine Kontakte verhindert. Seit dessen Tod aber versuche der Naturpark, den Pfad loszuwerden. Es sei verständlich, dass er nicht über das Personal und die Finanzen verfüge, um allein den Weg für eine kleine Gruppe behinderter und älterer Menschen zu erhalten. Leider habe der Naturpark aber jede Unterstützung etwa von Handwerkern und jede Idee abgelehnt, den Erhalt durch Sponsoren und Spenden zu sichern. Unverständlich sei ihm auch die Abbau-Begründung. „Woanders weist man Waldbesucher nur auf das stark gestiegene Risiko hin und tut so der Verkehrssicherungspflicht genüge.“

Noch 2019 habe der Naturpark gesagt, er wolle den Blindenpfad erhalten, betont Angelina Herwig, stellvertretende Vorsitzende des Bundesverbandes der Eltern blinder und sehbehinderter Kinder. Ihr Sohn nutzt ebenfalls den Blindenpfad. Sie habe Verständnis für das Verkehrssicherungsproblem. Es störe sie aber, dass auf die Vorschläge etwa für einen Förderverein nicht reagiert und nach keiner Lösung gesucht worden sei. „Da gibt es mal etwas für Blinde, und dann wird es ganz einfach aufgegeben“, sagt die Kasselerin.

Der Blindenpfad in Harleshausen wurde 1974 als erster Waldwander-, Waldlehr- und Gymnastikpfad für Blinde und Sehende in Deutschland angelegt. Er entstand aus der Zusammenarbeit des Forstamtes Kassel mit dem Blindenbund Hessen und der Blindenanstalt Marburg. Der Pfad ist mit einem Geländer sowie mit Tafeln in Normal- und Blindenschrift ausgestattet. Nach dem Kasseler Vorbild wurden unter anderem auch Blindenpfade in Marburg, Wiesbaden, Arnstadt und Erfurt geschaffen. Für die Unterhaltung des mehr als zwei Kilometer langen Blindenpfads in Kassel ist der Naturpark Habichtswald zuständig. 

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.