Rechte Szene in Kassel ist nicht groß, aber militant – Sprühereien am DGB-Haus noch nicht aufgeklärt

Nazis nehmen Gegner ins Visier

+
Schmierereien am DGB-Haus: Bislang Unbekannte haben am 1. Mai das Gewerkschaftshaus an der Spohrstraße besprüht. Foto: privat

Kassel. Sie bekennen sich nicht zu dem Anschlag, aber ihrer Häme lassen sie freien Lauf: „1. Mai Kassel: DGB Haus wurde verschönert!“, jubeln die Neonazis des „Freien Widerstand Kassel“ auf ihrer Internetseite.

Volksverhetzung

Die Polizei ermittelt wegen Sachbeschädigung und Volksverhetzung. Ein durchdachtes und zielgerichtetes Vorgehen aber wollen die Beamten in der Aktion nicht erkennen. „Es wurde alles gesprüht, was einem kranken Hirn einfällt“, sagt Sprecher Wolfgang Jungnitsch. „Es wäre übertrieben, dahinter Strukturen zu vermuten.“

Gezielter Anschlag?

Rechtsextreme Vorfälle in Kassel

1. März 2008: In der Gaststätte „Zum Anker“ in Bettenhausen treffen sich 80 Rechtsextreme. Nach Angaben der NPD tritt dabei der Neonazi-Barde Frank Rennicke auf.

April 2008: Der Organisator d4es Konzerts „Aufmucken gegen Rechts“ findet Hakenkreuze und Galgenmännchen auf seinem Briefkasten.

20. April 2008: Just am Geburtstag Adolf Hitlers wird bei einem Kleinbus der Linkspartei ein Reifen zerstochen.

24. Mai 2009: Die Gedenktafel für die von den Nationalsozialisten zerstörte Synagoge in der Unteren Königsstraße wird beschmiert.

1. Mai 2010: Rechtsextreme Sprühereien am Gewerkschaftshaus und am Kundgebungsplatz der 1.-Mai-Demonstration in der Karlsaue. (jft)

Kirsten Neumann vom Mobilen Beratungsteam gegen Rassismus und Rechtsextremismus (MBT) in Hessen sieht das anders: „Natürlich war das gezielt“, widerspricht sie der Polizei. „Der Ort und der Termin waren sehr bewusst gewählt.“ Auch wenn die rechte Szene in Kassel derzeit nicht allzu groß sei, dürfe der Vorfall nicht heruntergespielt werden: „Sobald sich Neonazis eine solche Plattform nehmen, muss man sehr wachsam sein, dass sie sich nicht noch mehr Raum für ihre NS-Verherrlichung schaffen.“

Zudem sind die Schmierereien am DGB-Haus keineswegs das erste Mal, dass Rechtsextreme in Kassel ihre Gegner ins Visier nehmen. Immer wieder hat es in den vergangenen Jahren Einschüchterungsversuche gegeben – von Drohungen über eingeschlagene Scheiben bis zu „schwarzen Listen“ im Internet, auf denen die Neonazis Fotos, Namen und Adressen von antifaschistisch engagierten Menschen veröffentlichten. Die Verbindung zum „Freien Widerstand Kassel“ war dabei oft nicht schwer zu ziehen.

Autonome Nationalisten

Die Kameraden – laut Verfassungsschutz ein „fester Stamm von Aktivisten, der bei Demonstrationen innerhalb und außerhalb Hessens regelmäßig in Erscheinung tritt“ – verstehen sich als „Autonome Nationalisten“. Das heißt, in Auftreten und Erscheinungsbild orientieren sie sich an linksradikalen Autonomen. Sie geben sich antikapitalistisch und militant und stehen der NPD eher distanziert gegenüber.

Die rechtsextreme Partei spielt in Kassel zurzeit kaum eine Rolle. Um die Führung im rechten Lager bemüht sich dagegen ein Mann, der noch vor nicht allzu langer Zeit seinen Ausstieg aus der Szene behauptet hatte: 2006 übernahm Bernd T., üppig vorbestrafter Gründer der früheren Kameradschaft „Sturm 18 Cassel“, vorübergehend den Multikultur-Verein „Spitze e.V.“ in der Kasseler Nordstadt und präsentierte sich als geläutert.

Forum „Sturm 18“

Heute betreibt der 35-Jährige unter seinem alten Label „Sturm 18“ ein Internet-Forum für Neonazis. Die 18 steht bei Rechtsextremen für den ersten und achten Buchstaben im Alphabet, also AH: Adolf Hitler.

Von Joachim Tornau

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.