SPD-Vorsitzender, Oberbürgermeister und Mundartdichter

Philipp Scheidemann - Nazis trieben ihn ins Exil

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Rede vor dem Kasseler Rathaus im Jahr 1922: Philipp Scheidemann hatte kurz zuvor einen Blausäureanschlag von Rechtsradikalen im Bergpark Wilhelmshöhe überstanden.

Kassel. Nach Philipp Scheidemann (1865 bis 1939) sind gleich zwei Plätze in Kassel benannt. Den einen zwischen Hauptbahnhof und Innenstadt kennt man unter diesem Namen.

Der andere in der Nordstadt (vor dem Scheidemann-Haus) trägt den Namen von Henner Piffendeckel. So nannte sich Scheidemann, wenn er seine „Geschichderchen“ in Kasseler Mundart schrieb.

Scheidemann wurde 1865 als Sohn eines Tapezierers in der Kasseler Altstadt geboren. Er machte eine Lehre als Schriftsetzer und trat 1883 in die damals verbotene SPD ein. 1885 verließ Scheidemann Kassel für einige Jahre und arbeitete bei verschiedenen Tageszeitungen als Redakteur. Er heiratete 1889 Johanna Dibbern. Aus dieser Ehe stammten drei Töchter.

1905 kam er nach Kassel zurück und arbeitete als Chefredakteur des Volksblattes. In der SPD machte er Karriere. Scheidemann saß seit 1903 im Reichstag, war unter anderem Fraktions- und Parteivorsitzender.

Philipp Scheidemann nannte sich als Autor Henner Piffendeckel.

Unter dem Pseudonym Henner Piffendeckel veröffentlichte Scheidemann 1910 den Band „Casseläner Jungen - Mundartliche Geschichderchen“, der noch zweimal aufgelegt wurde. Überliefert sind seine Zeilen zur Einweihung des neuen Kasseler Rathauses 1909. Damals galt noch das Dreiklassenwahlrecht. Scheidemann kommentierte das so: „Kasseler Dreiklassenhus / Was hot’n das for’n Sinn? / De armen Luder bliewen drus. / De Reichen kommen nin!“

Kassel-Lexikon

Mehr über Philipp Scheidemann im Regiowiki der HNA

Überregional bekannt wurde er, als er am 9. November 1918 vom Balkon des Reichstags die Republik ausrief. 1920 bis 1925 war er Oberbürgermeister von Kassel. 56 Jahre war Scheidemann alt, als ihn Attentäter mit hochgiftiger Blausäure umbringen wollten. Am Pfingstsonntag 1922 war er mit seiner Tochter Luise und seiner neunjährigen Enkelin Hanna im Bergpark Wilhelmshöhe unterwegs. Zwei rechtsradikale Attentäter spritzten ihm Blausäure ins Gesicht. Scheidemann drehte im letzten Moment seinen Kopf zur Seite und wurde nicht voll getroffen.

Nach der Machtergreifung der Nazis 1933 ging er ins Exil nach Kopenhagen. Dort starb er im November 1939. Die Urne mit seiner Asche wurde 1953 vom Kopenhagener Oberbürgermeister dem Kasseler Magistrat übergeben und auf dem Hauptfriedhof beigesetzt. Dort hat Philipp Scheidemann ein Ehrengrab.

Von Thomas Siemon

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