Lienhard Schmidt ist fast 70, steht seit 55 Jahren im Arbeitsleben und möchte weitermachen

Rentner-Arbeit: Nebenjob für kleine Extras

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Eine von Lienhard Schmidts Einsatzstellen: Der Real-Markt im Dez. Wenn dort nachts die Regale aufgefüllt werden, dauert der Dienst von Schmidt und seinen Kollegen vom Wach- und Schließinstitut Bohrer schon mal bis in die frühen Morgenstunden.

Kassel. Nach 55 Jahren im Arbeitsleben hat Lienhard Schmidt noch immer einen ausgefüllten Job-Alltag. Mehrmals pro Woche ist der 69-Jährige für das Wach- und Schließinstitut Bohrer im Dienst, er wird mal kurzfristig zu Feiertags- und Späteinsätzen gerufen, die bis 3 Uhr in der Nacht dauern können.

Schmidt ist einer von 1828 Kasselern, die im Ruhestandsalter noch einem Minijob nachgehen.

Dabei kommt er viel rum in Kasseler Firmen. Schmidt tut Dienst an Empfangstresen, schließt Firmentore auf und ab, macht nächtliche Rundgänge, schaltet Alarmanlagen scharf oder schiebt Wache in Geschäftsräumen, wo nach Einbrüchen die Türen offen stehen. All das sei ihm keine Last, sondern halte ihn aktiv, sagt Schmidt: „Ich bin ja noch fit wie ein Turnschuh.“ Außerdem lerne man in diesem Job viele interessante Leute kennen.

Verdienst ermöglicht Reisen

Doch auch der finanzielle Aspekt spiele eine Rolle. Ohne den Zuverdienst „müssten wir uns einschränken und auf einiges verzichten“, sagt der Waldauer. Schmidt und seine Frau unternehmen mit dem Extrageld regelmäßig Kurzreisen per Bus, die sie sich ansonsten nicht ohne Weiteres leisten könnten. Oder den zweiwöchigen Mallorca-Urlaub, der für März geplant ist.

Nach 45 Arbeitsjahren hätte Lienhard Schmidt regulär in Rente gehen können.

Der gelernte Feinmechaniker war zunächst 16 Jahre lang bei der Firma Philips tätig, wo auch Freigänger aus dem Strafvollzug gearbeitet haben. Irgendwann sagte jemand zu ihm: „Sie wären eigentlich der richtige Mann für den Justizvollzugsdienst.“ Schmidt ließ den Gedanken an sich ran, stellte sich bei der JVA Wehlheiden vor und wurde als Angestellter beschäftigt. Nach weiteren 29 Berufsjahren dort wäre er mit 60 eigentlich reif für den Ruhestand gewesen – wie auch bei Polizei oder Feuerwehr üblich.

Zu dieser Zeit, im Frühjahr 2002, war mal wieder documenta in Kassel. In diesem Zusammenhang suchte die Wach- und Schließfirma Bohrer Personal – so ist Schmidt übergangslos dort gelandet und bis heute dabei geblieben. Wenn es im Wachdienst-Job mal zu brenzligen Situationen kommt, hilft ihm seine psychologische Erfahrung, die er im Justizdienst gesammelt hat.

Aus seiner regulären Berufslaufbahn erhält er gut 1400 Euro Rente, wovon ein Drittel für die Mietwohnung der Eheleute in Waldau draufgeht. Auch das 13 Jahre alte Auto will finanziell unterhalten werden. „Wir kämen mit dem Geld einigermaßen rum“, sagt Lienhard Schmidt. Aber Extras wie die geliebten Bus-Touren wären dann wohl nicht drin.

Im April wird Schmidt 70. Seine Arbeit würde er gern weitermachen, solange man ihn lässt. Auch für seine Frau sei das in Ordnung, sagt der jobbende Senior. Nur wenn mal wieder ganz kurzfristig das Telefon klingelt und ein unerwarteter Vertretungseinsatz die privaten Pläne durchkreuzt, sei die Gattin nicht immer begeistert.

Von Axel Schwarz

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