Prozess um erstochenen Partybesucher – Psychiater hält Angeklagten für schuldfähig

Nebenklage: Es war Mord

Kassel. Die Stimme des Anrufers klang atemlos. „Ich brauche mal ganz dringend einen Krankenwagen“, sagte der Mann, der frühmorgens den Notruf gewählt hatte. „Da hat jemand mit dem Messer zugestochen.“ Und dann: „Das war meine Schuld.“

Im Landgerichtsprozess um den gewaltsamen Tod eines 26-Jährigen auf einer Party an der Mombachstraße musste sich der Angeklagte am Dienstag selbst zuhören: Die Schwurgerichtskammer spielte dem 20-Jährigen die Aufnahme seines Anrufs bei der 112 vor. Und obwohl es an jenem Julimorgen 2011 schon auf fünf Uhr zugegangen war und in der Nacht reichlich Alkohol geflossen war, waren die Worte problemlos zu verstehen. Von „erstaunlicher sachlicher Klarheit“ sprach Psychiater Ingo Baltes, der im Auftrag des Gerichts die Schuldfähigkeit des Angeklagten untersuchen sollte, und befand: „Keine Beeinträchtigung“. Der junge Mann habe gewusst, was er tat.

Der Angeklagte hatte damals die Einweihung seiner neuen Wohnung gefeiert – der dritten, die er seit seinem Auszug aus dem mütterlichen Haushalt bezogen hatte. Mit Gelegenheitsjobs und Hartz IV hielt er sich über Wasser. Die Reife eines Erwachsenen, darin waren sich Psychiater und Jugendgerichtshilfe einig, habe er trotz aller Selbstständigkeit aber noch lange nicht erreicht. Einhellig plädierten sie daher für die Anwendung von Jugendrecht.

Dem geständigen 20-Jährigen drohen damit bis zu zehn Jahre Jugendstrafe. Wie schon bei seinem Notruf hatte er die Tat auch beim Prozessauftakt zugegeben: Er habe den 26-Jährigen mit einem Messer bedroht, weil der auf der Party immer wieder Streit gesucht, sich partout aber nicht habe rauswerfen lassen. Und dann habe er, ohne es richtig zu bemerken, zugestochen. Ein einziges, tödliches Mal. Die Staatsanwaltschaft hat das in der Anklageschrift als Totschlag gewertet. Nebenklägeranwalt Markus Sittig, der die Mutter des Getöteten vertritt, aber brachte nun auch Mord ins Gespräch: Das Mordmerkmal der Heimtücke komme in Betracht, weil das Opfer nicht mit einem Angriff gerechnet habe.

Der Anwalt stützte diese Annahme allerdings allein auf die Aussage eines der Partybesucher: „Ich hätte nicht gedacht, dass er zusticht“, hatte der 28-Jährige erklärt. Denn er habe den Gastgeber und Bruder seiner Lebensgefährtin bislang immer als friedlichen Zeitgenossen erlebt.

Das Gericht äußerte sich zu einer möglichen Einstufung der Tat als Mord zunächst nicht. Ein anderes Ansinnen der Nebenklage war dagegen bereits zuvor gescheitert: Der beim Prozessauftakt gestellte Befangenheitsantrag gegen den Vorsitzenden Richter Volker Mütze, der die Verhandlungstage ohne Rücksicht auf die Terminwünsche der Nebenklage festgelegt hatte, wurde abgelehnt.

Am Dienstag, 20. März, wird der Prozess fortgesetzt. (jft)

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