Kassels einziger Stadtimker: Honig vom Hauptfriedhof

Kassel. „Ich habe sehr viele Haustiere“, sagt Victor Hernández. Genau genommen um die 640.000. Und das mitten in der Kasseler Nordstadt, oben auf dem Dach eines Mehrfamilienhauses an der Holländischen Straße. Hernández ist seit einem Jahr Imker.

Mit zwei Bienenvölkern fing es an, mittlerweile stehen acht Bienenstöcke (Beuten) auf dem Dach, aus denen der 35-Jährige Kassels ersten (Nord-)Stadthonig gewinnt.

Auf die Idee, Imker zu werden, kam er durch eine Freundin. Er selbst beschreibt sich als einen Genussmenschen, der eine Leidenschaft für gute Lebensmittel und selbst Erzeugtes hat. Bislang hatte sich der gebürtige Spanier allerdings auf die Herstellung von Würsten spezialisiert.

Hobbyimker Victor Hernández produziert Honig in der Nordstadt

Die Freundin, eine Vegetarierin, schlug vor, er solle doch mal etwas herstellen, was auch sie essen kann. So kam er auf die Idee mit dem Honig. Bei Recherchen stellte der 35-Jährige fest, dass es sogar Stadtimker in New York, Berlin und Frankfurt gibt. Warum sollte das nicht in Kassel klappen?

Hernández nahm Kontakt mit Manfred Deichmann, Vorsitzender des Kasseler Imkervereins, auf und belegte einen Bienenkurs, um die Arbeit des Imkers kennenzulernen.

Hübsche Verpackung: Der Stadthonig ist Läden in der Nordstadt erhältlich.

Seit dem Frühjahr dieses Jahres verkauft er seinen eigenen Honig. 200 Gläser sind bereits abgefüllt, die letzte Sommerernte kommt demnächst ins Glas. Das Etikett für die Nordstadthoniggläser hat die Künstlerin Pia Uhlemann kreiert.

Stadthonig schmecke ganz anders als jener, der von den Imkern aus dem Landkreis gewonnen werde. Das liege an der Nahrung seiner Bienen. Die ernähren sich von den vielen verschiedenen Blüten (darunter Linden und Akazien) auf dem benachbarten Hauptfriedhof. „Mein Honig schmeckt deshalb sehr facettenreich.“ Imker, die ihre Bienenstöcke an einem Feld stehen hätten, seien hingegen auf Monokulturen wie zum Beispiel Raps angewiesen.

Dass Imkerei ein anspruchsvolles Hobby ist, hat der 35-Jährige, der hauptberuflich in der Unternehmenskommunikation arbeitet, schnell begriffen. Zum einen waren Investitionen wie die Bienenstöcke und eine Honigschleuder erforderlich. Zum anderen benötigten die Bienen auch viel Pflege. In Deutschland setzen seit Jahren parasitische Milben den Bienen zu und vernichten ganze Völker. Hernández muss die Bienen mit Zuckersirup füttern. Schließlich ist der Honig eigentlich der Wintervorrat der Tiere. In den ersten drei Jahren könne er mit seinem Hobby nichts verdienen, hat er ausgerechnet. „Um mit Honig Geld zu machen, muss man 150 Völker haben.“ Er sei Imker aus Idealismus.

Und wie sieht es mit den Stichen aus? Natürlich sei er auch schon gestochen worden, aber eigentlich seien seine Bienen sehr sanftmütig. Victor Hernández zitiert eine Imkerweisheit: „Wer sich fürchtet, dass die Biene sticht, der erntet auch den Honig nicht.“

Hintergrund: Der Weg vom Dach ins Glas

Victor Hernández beschreibt den Weg seines Kasseler Stadthonigs: Ab April fliegen die Bienen vom Dach an der Holländischen Straße auf den Hauptfriedhof und in umliegende Gärten. Pollen, Nektar und Tau bringen sie zurück in ihren Stock. Durch Weitergabe der Erträge von Biene zu Biene wird daraus enzymreicher Honig. In den Monaten Mai, Juni und Juli wird dann vom Imker geerntet.

Die gefüllten Honigwaben werden dafür „entdeckelt“, eine kleine Wachsschicht entfernt. So können sie in einer Art Zentrifuge geschleudert werden. Auf das Schleudern folgt das Sieben. Kleine Wachsreste sind zwar nicht ungesund, gehören aber nicht in den Honig. Manch einer mag statt des flüssigen Honigs lieber den cremig-kandierten. Solcher Honig wird vor dem Abfüllen einige Tage lang behutsam gerührt. Grobe Traubenzuckerkristalle werden dadurch gespalten.

Dieser Honig ist dann zähflüssig bis streichfähig und bleibt ohne Kleckern auf dem Brötchen. Optimal gelagert wird Honig kühl und dunkel in fest verschlossenen Gläsern. Dann ist er fast unbegrenzt haltbar. Das Datum auf den Gläsern ist eher lebensmittelrechtlicher Natur.

Kasseler Stadthonig ist in einigen Läden (z.B. Edeka Marco Wenzel, Fiedlerstraße; El Torito, Holländische Straße 19; Café Flora, Holländische Str. 77) rund um die Micro-Imkerei von Victor Hernández zu kaufen. 400 Gramm kosten 5 Euro, 250 Gramm 3,50 Euro. Bestellung auch unter www.facebook.com/KasselerStadthonig

Rubriklistenbild: © Koch

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