Anführerin einer linksextremistischen kriminellen Vereinigung?

Lina E.: Angriff auf Neonazis? Darum geht es im Prozess um die Studentin aus Kassel

Demonstration in Kassel: Am Samstag protestierte die linke Szene aus Solidarität mit Lina E. „gegen die Kriminalisierung von Antifaschismus“.
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Demonstration in Kassel: Am Samstag protestierte die linke Szene aus Solidarität mit Lina E. „gegen die Kriminalisierung von Antifaschismus“.

Ab Mitwoch steht die Kasselerin Lina E. in Dresden vor Gericht. Mit einer linken Gruppe soll die Studentin Anschläge auf Neonazis verübt haben.

Kassel/Dresden – Eine Kasselerin soll Anführerin einer linksextremistischen kriminellen Vereinigung sein und mit äußerster Brutalität gegen Neonazis vorgegangen sein. Am Mittwoch (08.09.2021) beginnt am Staatsschutzsenat des Oberlandesgerichts Dresden (OLG) der Prozess gegen die seit einigen Jahren in Leipzig lebende Lina E. Der Fall machte bundesweit Schlagzeilen. Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

Was wird Lina E. vorgeworfen?

Mit drei anderen Angeklagten soll die 26-Jährige unter anderem Anschläge auf die Kneipe „Bull’s Eye“ in Eisenach verübt haben, die von dem Neonazi Leon R. betrieben wird und ein Treffpunkt der rechten Szene ist. Ein anderer Angriff richtete sich gegen Cedric S. aus Wurzen, der in der NPD-Jugendorganisation „Junge Nationalisten“ aktiv ist und zuvor am „Sturm auf Connewitz“ beteiligt gewesen sein soll – im Januar 2016 hatten Rechtsextreme im linksalternativen Viertel in Leipzig randaliert.

Zudem soll Lina E. gegen Paragraf 129 verstoßen haben, also mit ihren Mitstreitern eine kriminelle Vereinigung gegründet haben. Ihre Opfer sollen die Mitglieder der Gruppe über Monate ausgespäht haben. Laut dem „Spiegel“ sind die Sicherheitsbehörden angesichts der Gewalt alarmiert, die der Gruppe vorgeworfen wird. Sie befürchten Racheaktionen von Neonazis und damit eine „Spirale der Vergeltung“.

Wer ist Lina E.?

Nach dem Abitur an der Jacob-Grimm-Schule 2013 in Kassel studierte Lina E. in Halle an der Saale Erziehungswissenschaften. In ihrer Bachelor-Arbeit ging es um Jugendarbeit mit Neonazis. Spätestens im August 2018 soll sie sich laut Anklage der überregional vernetzten Gruppe angeschlossen und dort eine „herausgehobene Stellung“ eingenommen haben.

Bis zu ihrer Verhaftung im November vorigen Jahres lebte Lina E. im alternativen Leipziger Viertel Connewitz. Seitdem ist sie als einzige der vier Angeklagten inhaftiert und sitzt in der JVA Chemnitz ein. Ihr Freund gilt als untergetaucht und wird gesucht. Eine ihrer Mitgefangenen ist die NSU-Terroristin Beate Zschäpe.

Warum machte der Fall Lina E. bundesweit Schlagzeilen?

Weil es das erste Mal seit 20 Jahren ist, dass der Generalbundesanwalt gegen eine angebliche Linksextremistin ermittelt. Der Leiter der Sonderkommission Linx, die an den Ermittlungen beteiligt war, sieht die Gruppe der Neonazijäger gar an der Schwelle zum Terrorismus.

Kritiker monieren, dass die Polizei-Einheit, die in Leipzig linksextremistische Straftaten aufklären soll, mangels anderer Ermittlungserfolge an Lina E. ein Exempel statuieren wolle. Bei Twitter trendet immer wieder der Hashtag #Freelina. Auch in Kassel demonstrierten am Samstag Unterstützer aus der linken Szene „gegen die Kriminalisierung von Antifaschismus“. Auch zum Prozessauftakt in Dresden ist eine Demo angemeldet.

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Was sagen die Anwälte von Lina E.?

Gegenüber unserer Zeitung stellten die Leipziger Verteidiger Erkan Zünbül und Björn Elberling die Zuständigkeit der Bundesanwaltschaft infrage. In den Ermittlungsakten würden „die Thesen der Bundesanwaltschaft von der ganz besonderen Brutalität nicht bestätigt“, sagte Zünbül, der Lina E. nun nicht mehr mit Elberling, sondern mit dem Berliner Anwalt Ulrich von Klinggräff verteidigt. Der Prozess könnte bis ins Frühjahr dauern. Das OLG hat Verhandlungen vorsorglich bis Ende März 2022 terminiert. (Matthias Lohr)

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