Psychologe gibt Tipps zum Durchhalten

Netter Selbstbetrug - ein Interview über Neujahrsvorsätze

Endlich das Rauchen aufgeben: Viele scheitern.

Kassel. Laut einer englischen Studie mit 3000 Teilnehmern sind die guten Neujahrsvorsätze zum Scheitern verurteilt. 88 Prozent erreichten ihre gesteckten Ziele nicht.

Wir sprachen darüber mit dem Psychologie-Professor Ernst-Dieter Lantermann (67) von der Universität Kassel.

Herr Lantermann, welche guten Vorsätze haben Sie sich für 2013 vorgenommen?

Ernst-Dieter Lantermann: Ich habe mir vorgenommen, keine Vorsätze zu fassen. Denn sie funktionieren ja sowieso nicht.

Und trotzdem nehmen die Menschen zum Jahreswechsel immer wieder hochgesteckte Ziele ins Visier.

Lantermann: Das stimmt. Dabei geht es aber nicht um die wirkliche Umsetzung. Es geht vor allem darum, im Augenblick des Vorsatzes ein angenehmes Gefühl bei sich selbst zu erzeugen und sich einzureden: Ich habe mich und meine Umwelt unter Kontrolle. Das gibt Sicherheit und die Gewissheit: Man ist nicht verloren. Wenn die Menschen ihre Vorsätze wirklich umsetzen wollten, würden sie anders an die Sache herangehen.

Und deshalb scheitern die Pläne laut Studie zu 88 Prozent?

Lantermann: Mich wundert es schon, dass überhaupt zwölf Prozent durchhalten sollen. Diese Menschen müssen ihren Plan schon länger gefasst haben.

Es ist doch so: Viele wissen schon im Moment des Entschlusses, dass sie es nicht schaffen. Deshalb ruft das Scheitern auch keine große Frustration hervor. Aber der Vorsatz, etwas zu ändern, verschafft den Menschen einen besonderen Moment. Noch mal richtig einen draufzumachen. Oder die letzte Zigarette zu rauchen. Die schmeckt doch sowieso am besten.

Das klingt nach eigener Erfahrung. Wie kann es trotzdem gelingen, die Vorsätze umzusetzen?

Lantermann: Ja, ich habe selbst geraucht und es mir mit der Hilfe meiner Kinder abgewöhnt - wenn auch nicht mit aller Konsequenz. Man sollte sich einen nicht allzu hochgesteckten Plan machen und sich Verbündete suchen. Außerdem kleine Zwischenziele stecken und sich auch Schwächen verzeihen. Ich habe meine Kinder um Unterstützung gebeten, aber auch gesagt: Seht es mir nach, wenn ich doch mal eine rauche. Wenn Sie sich nämlich für Ihre Schwäche selbst bestrafen und sich ärgern, folgt der Schritt der Selbstbefreiung. Das heißt, Sie rauchen ohne Grenzen.

Vorsätze sind also nur ein netter Selbstbetrug?

Lantermann: Genau so ist es. Es ist schön, sich der Illusion der Umsetzung des Vorsatzes in die Tat hinzugeben und sich damit selbst zu beruhigen. Aber es ist doch sehr schwer, aus Routinen auszubrechen. Und das ist auch in Ordnung so. Der Mensch ist nicht perfekt. Das wäre ja auch ziemlich grausam.

Von Max Holscher

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