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Kassel: Neubeginn in einer Ruinenstadt nach 1945

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Von: Thomas Siemon

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Loren für den Abtransport: Vom Friedrichsplatz wurde der Trümmerschutt auf provisorischen Schienen zur Schönen Aussicht transportiert.
Loren für den Abtransport: Vom Friedrichsplatz wurde der Trümmerschutt auf provisorischen Schienen zur Schönen Aussicht transportiert. © Archiv Hans Germandi

Bei der Trümmerbeseitigung nach Kriegsende in Kassel mussten viele mit anpacken. Durch den Abriss vieler beschädigter Gebäude gab es eine Zerstörung nach den Bomben.

Kassel – Der Mangel in den ersten Nachkriegsjahren war überall spürbar. Es gab Lebensmittelmarken für knappe Essensrationen, Kohle war rationiert, die Versorgungsleitungen für Strom, Wasser und Gas waren zum größten Teil zerstört und die meisten Häuser der Innenstadt nur noch Ruinen. Es gab Berge von Trümmerschutt, die abgetragen werden mussten.

Viele Menschen hatten nur ein notdürftiges Dach über dem Kopf. Und doch mussten sie alle ran, um bei der Beseitigung der Trümmer und dem Wiederaufbau zu helfen. Niemand, der dazu körperlich halbwegs in der Lage war, wurde davon ausgenommen. So ist auch ein Foto überliefert, das Mitglieder des Schauspielensembles am Kasseler Staatstheater bei der Arbeit mit Hacke und Schaufel zeigt.

Um die enormen Mengen an Schutt zu transportieren, wurden vom Friedrichsplatz bis in die Aue provisorische Schienen verlegt. Auf Loren hat man das Material weggebracht und über die Hangkante zur Aue gekippt. Unter dem heutigen Rosenhang, der zur Bundesgartenschau 1955 angelegt wurde, liegen Tausende Tonnen von Trümmerschutt. Auch die Fundamente des Auestadions, das 1953 fertig wurde, stehen auf Schutt aus dem Zweiten Weltkrieg.

Wenige Jahre nach Kriegsende: So sah Kassel aus, als der Schutt weggeräumt war. Die Aufnahme hat der
Wenige Jahre nach Kriegsende: So sah Kassel aus, als der Schutt weggeräumt war. Die Aufnahme hat der © graf Walter Thieme gemacht. Er kletterte dafür auf den Schornstein der Wäscherei Ebeling in der Unterneustadt. Foto: Stadtmuseum/nh

Jenseits der Trümmerbeseitigung gab es aber auch eine Zerstörung nach den Bomben. Die Wurzeln dafür liegen ebenfalls in der Nazizeit. Bereits zu den Reichskriegertagen wurden Pläne für die Umgestaltung Kassels als Gauhauptstadt präsentiert. Charakteristisch dafür waren neue Verkehrszüge, riesige Versammlungshallen und große Aufmarschgelände. Eine aufgelockerte Bebauung mit Grünstreifen sollte bei Luftangriffen die Ausbreitung von Bränden verhindern.

Das alte Kassel könne das neue politische Ziel nicht mehr erfüllen, so Gauleiter Weinrich in einem Schreiben an den zuständigen Reichsminister im Juli 1941.

Aufräumarbeiten: Im Juli 1946 wurden Schauspieler und Regisseure des Staatstheaters in der Wolfsschlucht eingesetzt.
Aufräumarbeiten: Im Juli 1946 wurden Schauspieler und Regisseure des Staatstheaters in der Wolfsschlucht eingesetzt. © Stadtmuseum/nh

Der hatte im gleichen Jahr einen neuen Stadtbaurat von Berlin nach Kassel geholt. Als Spezialist für die sogenannte „Stadtgesundung“ kam Erich Heinicke an die Fulda. Der „neue Städtebau“ sei mit den modernen Erfordernissen des Luftschutzes in Einklang zu bringen, so Heinicke in seiner Einführungsrede. Die enge und verwinkelte Kasseler Altstadt entsprach diesen Vorstellungen nicht.

Bereits in der Endphase des Krieges wurden zahlreiche historisch wertvolle Gebäude, die längst nicht völlig zerstört waren, abgerissen. Nach dem Bombenangriff vom Oktober 1943 veranlasste Baurat Heinicke die Sprengung von Ruinen und Fassadenresten. Nach dem Krieg setzte sich diese Entwicklung fort.

Straßenbau zwischen Ruinen: Diese Männer pflasterten damals die zerstörte Weserstraße neu.
Straßenbau zwischen Ruinen: Diese Männer pflasterten damals die zerstörte Weserstraße neu. © Stadtmuseum/nh

Aus heutiger Sicht hätten eine ganze Reihe von Gebäuden gerettet werden können. Dazu gehörten unter anderem die Unterneustädter Kirche, das Karlshospital, die Garnisonkirche, das Nahlsche Haus an der Königsstraße und vor allem das Staatstheater.

Erich Heinicke, der als „Mitläufer“ des NS-Regimes eingestuft wurde, blieb bis 1949 Kasseler Baurat. Beim Wettbewerb für den Wiederaufbau der Innenstadt sorgte er 1947 mit dafür, dass die Vorschläge zum Erhalt von Gebäuden keine Chance hatten. In Kombination mit den Vorstellungen für eine autogerechte Stadt wurden überbreite Trassen wie die Kurt-Schumacher-Straße angelegt. Um Chancen für eine Stadtreparatur geht es im nächsten Teil unserer Reihe rund um die Kasseler Bombennacht, der am Donnerstag erscheint.

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