Neue Angaben zu Verfassungsschützer am Neonazi-Tatort

Kassel/Wiesbaden. Der hessische Verfassungsschützer, der 2006 am Tatort des Neonazi-Mordes in Kassel war, hat nach einem Medienbericht am Tattag zweimal mit einem V-Mann aus der rechten Szene telefoniert.

Die Wochenzeitung „Der Freitag“ beruft sich in ihrer neuen Ausgabe auf einen Bericht der Staatsanwaltschaft Kassel für das Bundeskriminalamt (BKA) vom Januar. Stellungnahmen von hessischen Behörden gab es zunächst nicht. In Kassel war am 6. April 2006 der türkischstämmige Internetcafé-Betreiber Halit Yozgat erschossen worden - mutmaßlich von den Rechtsterroristen des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU). Ein damaliger Mitarbeiter des hessischen Verfassungsschutzes hatte kurz vor oder sogar während der Tat in dem Internetcafé privat gesurft, will aber nichts bemerkt haben. Der Verfassungsschützer habe seit 2003 einen Informanten geführt, der der verbotenen Neonazi-Gruppierung Blood and Honour (Blut und Ehre) nahestand. Diesen Informanten habe der Verfassungsschützer am Tattag mittags kurz von seinem Handy angerufen, berichtet die Wochenzeitung.

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Nachmittags etwa 50 Minuten vor der Tat habe der Informant mit dem Tarnnamen „GP 389“ in der Kasseler Außenstelle des Verfassungsschutzes zurückgerufen. Die Anwesenheit des Verfassungsschützers am Tatort gilt als ein ungelöstes Rätsel in der Serie von neun Morden an Zuwanderern, die seit 2011 dem NSU zugeschrieben werden. Ermittler überprüften den Mann 2006 intensiv, zeitweise wurde er festgenommen. Es fanden sich aber keine Hinweise, dass er in die Tat verwickelt war. Zwar trat zutage, dass der Verfassungsschützer in seiner Jugend rechtem Gedankengut angehangen hatte, auch illegale Munition wurde bei ihm gefunden, doch als Spur führte dies nicht weiter. Als im vergangenen Herbst die Existenz einer Neonazi-Terrorzelle bekanntwurde, kamen auch diese Informationen über den mittlerweile suspendierten Verfassungsschützer wieder in die Öffentlichkeit.

Von den Telefonaten war bislang öffentlich nichts bekannt. Allerdings kann auch die Zeitung keine Angaben machen, wie häufig die Kontakte waren und ob ihr zeitlicher Zusammenhang mehr als nur Zufall ist. Der neue Bericht der Kasseler Staatsanwaltschaft für das BKA listet nach Informationen des „Freitag“ zwei weitere Telefonate zwischen Verfassungsschützer und V-Mann vom Juni 2005 auf - zeitlich eng verbunden mit NSU-Morden in Nürnberg und München. Den Zeitungsangaben nach wollte die Polizei 2006 zwei V-Leute vernehmen, die der Verfassungsschützer führte - den deutschen Rechtsextremisten und einen Islamisten. Dies habe das damals von Volker Bouffier (CDU) geführte Innenministerium unterbunden. Die Quellen seien nur vom hessischen Verfassungsschutz befragt worden. Blood and Honour gilt als Gruppierung, die von den untergetauchten Rechtsterroristen gewusst haben könnte. (dpa)

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