Neue Erkenntnisse

Londoner Wissenschaftler: Temme muss Schüsse bei Yozgat-Mord gehört haben

Kassel. Eine Expertise des Londoner Instituts "Forensic Architecture" sät erneut Zweifel an der Aussage des EX-Verfassungssschützers Andreas Temme zum Mordfall Yozgat.

Aktualisiert um 18.30 Uhr. Temme, der zur Tatzeit vor elf Jahren oder zumindest bis etwa 40 Sekunden vorher in dem Internetcafé an der Holländischen Straße war, behauptet, den Mord an dem damals 21-jährigen Yozgat nicht mitbekommen zu haben.

Diese Aussage stellt jetzt ein am Donnerstag in Kassel präsentiertes Gutachten von FA in Frage. Die Kasseler "Initiative 6. April" hatte es gemeinsam mit dem "Tribunal NSU-Komplex auflösen" bei den britischen Wissenschaftlern in Auftrag gegeben. Das interdisziplinäre Team um den Architekten Eyal Weizman ist darauf spezialisiert, ungeklärte Fälle wie diesen zu untersuchen. Die unabhängige Forschungsstelle mit Sitz an der Goldsmith-Universität in London hat auch schon im Auftrag von Amnesty International gearbeitet.

Offene Fragen

Um zu klären, ob Temme vorausgesetzt er war zur Tatzeit in Yozgats Internetcafé den Mord tatsächlich nicht bemerkt haben könnte, gingen die Experten folgenden Fragen nach: Muss Temme von seinem Sitzplatz im hinteren Teil des Cafés die Schüsse gehört haben? Muss er den Rauch nach den abgegebenen Schüssen gerochen haben? Hätte er den am Boden liegenden Yozgat beim Bezahlen und Hinausgehen hinter dem Tresen sehen müssen?

Untersuchung

Zur Klärung dieser Fragen bauten die Wissenschaftler das Internetcafé Yozgats nach eigenen Angaben in Lebensgröße im Berliner Haus der Kulturen nach. In einem Experiment Mitte März stellten sie die Szene vom 6. April 2006 nach. Außerdem nutzten sie dreidimensionale Computer-Simulationen und sichteten nach eigenen Angaben alle verfügbaren Aufzeichnungen, Tatort-Fotos, Protokolle, Ermittlungsergebnisse, Aussagen von Temme und von Zeugen sowie das Video einer Tatort-Begehung des Ex-Verfassungsschützers. Gemeinsam mit einem Waffenspezialisten, einem Akustiker und einem Spezialisten für Strömungsdynamik rekonstruierten die Forensiker die Szene.

Ergebnisse

Temme hätte die Schüsse hören müssen. Die Wissenschaftler hatten die Lautstärke der Schüsse aus der bei dem Mord verwendeten Pistole eine Ceska CZ 83 gemessen und sie im Nachbau des Cafés abgespielt und im Computer simuliert. Selbst bei Verwendung eines Schalldämpfers sollte der Schuss demnach eine Lautstärke von 130 Dezibel gehabt haben. Noch mit einer Lautstärke von 86 Dezibel bei einer Umgebungslautstärke von 40 Dezibel wären die Schüsse den Erkenntnissen zufolge zu hören gewesen.

Das demonstrierte auch Christina Varvia von Forensic Architecture bei der gestrigen Pressekonferenz. Sie spielte Aufnahmen von Schüssen aus einer Ceska CZ 83 ab, deren Lautstärke sie, mit einem Messgerät in der Hand, auf 86 Dezibel hochregelte. Die Schüsse waren nicht zu überhören.

Temme hätte den am Boden liegenden Körper von Halit Yozgat hinter dem Tresen im Café sehen müssen, als er bezahlt und das Café verlassen hat. Mit einer speziellen Software errechneten die Forensiker unter anderem Temmes Standort und seinen Blickwinkel und ließen einen Schauspieler mit einer Kamera die Abläufe nachspielen. Aus all diesen Daten erstellten sie eine Animation, die den Raum aus Temmes Sicht zeigt. Sie zeigt laut FA, dass der Körper Halit Yozgats im Blickfeld Temmes lag.

Virtuelle Rekonstruktion: Britische Forscher haben der Bewegungen des ehemaligen Kasseler Verfassungsschützers Andreas Temme am Tatort simuliert. Am Boden liegt der vor elf Jahren erschossene Halit Yozgat in seinem Internetcafé am Holländischen Platz.

Auch ob Temme den Pulvergeruch der kurz zuvor abgefeuerten Schüsse gerochen haben müsste, wurde untersucht. Ein Spezialist für Strömungsdynamik arbeitet dabei mit den Wissenschaftlern zusammen. Die Ergebnisse stehen noch aus. Sie soll es im Mai oder Juni geben.

Folgen

Die Ergebnisse von FA könnten auch Auswirkungen auf den NSU-Prozess in München haben. Laut Varvia sollen Forscher von FA sie als Sachverständige am 10. Mai vor dem Oberlandesgericht vorstellen. Das will klären, ob Beate Zschäpe als Mitglied der Terrorzelle NSU für zehn Morde mitverantwortlich ist.

Hintergrund: Temme will nichts bemerkt haben

Der Mord an Halit Yozgat wird der rechten Terrorgruppe "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) angelastet. Den Ermittlungen zufolge war der damalige Kasseler Verfassungsschützer Andreas Temme am Tatort oder verließ das Cafe wenige Sekunden vor dem Mord. Temme hatte sich nach der Tat nicht bei der Polizei gemeldet. Als er später als Zeuge ermittelt wurde, gab er an, nichts von den Geschehnissen mitbekommen zu haben. Andreas Temme ist heute beim Regierungspräsidium Kassel tätig.

Gedenken an Halit Yozgat 

Am Donnerstag wurde auch an das Opfer Halit Yozgat erinnert. Zu der Gedenkveranstaltung  in der Nähe des damaligen Tatorts kam unter anderem der Vater des Ermordeten, Ismael Yozgat. Wir berichteten darüber auf Kassel Live.

Rubriklistenbild: © dpa

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