Sie fotografierte nahe des elterlichen Spielwarengeschäfts

Neue Fotos vom alten Kassel aufgetaucht: Aufnahmen von Eva Reinecke (Jahrgang *1922)

Kassel um 1939: Diese Aufnahme mit den vielen Baumstämmen entstand an der Schlagd in der Nähe des Renthofs.
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Kassel um 1939: Diese Aufnahme mit den vielen Baumstämmen entstand an der Schlagd in der Nähe des Renthofs.

Über Jahrzehnte lagen diese noch nie veröffentlichten Fotos vom alten Kassel in einer Berliner Wohnung. Gut verstaut, ganz hinten in einem Schrank.

Kassel - „Meine Mutter ist in Kassel aufgewachsen und später nach Berlin gezogen“, sagt Andreas Schwarberg (68), der mit der HNA Kontakt aufgenommen hat. Er will die Fotos seiner Mutter dem Kasseler Stadtarchiv zur Verfügung stellen und sie einer möglichst breiten Öffentlichkeit zugänglich machen.

Das haben die Aufnahmen, die zum größten Teil Ende der 1930er-Jahre entstanden sind, auf jeden Fall verdient. Denn man sieht ihnen an, dass hier eine talentierte Fotografin am Werk war. Dabei handelt es sich um Eva Reinecke, Jahrgang 1922, die Tochter des gleichnamigen Spielwarenhändlers. „Meine Großeltern hatten bis zur Bombennacht vom 22. Oktober 1943 ein gut gehendes Geschäft an der Oberen Königsstraße 12“, sagt Andreas Schwarberg. Er lebt heute in Allensbach am Bodensee und kümmert sich um den fotografischen Nachlass seiner Mutter.

Blick in den Laden: So sah es dort um 1939 aus.

Alte Aufnahmen entdeckt: „Noch nie veröffentlichte Fotos vom alten Kassel“

Die war schon als junges Mädchen mit einer Leica-Kamera in den Gassen der Kasseler Altstadt und an der Fulda unterwegs. Später hat sie aus dem Hobby einen Beruf gemacht. Eva Reinecke studierte ab 1942 in Weimar Fotografie. Dort war sie auch während der Kasseler Bombennacht. „Meine Mutter hat mir erzählt, dass sie den Feuerschein ihrer brennenden Heimatstadt von Weimar aus am Himmel gesehen hat“, sagt Andreas Schwarberg. Da konnte sie nur ahnen, was für eine Katastrophe in Kassel geschah.

Eva Reinecke um 1940

Um 20 Uhr an diesem klaren und lange sonnigen Herbsttag hatte sie noch mit ihren Eltern telefoniert. Kurze Zeit später gab es Bombenalarm. Vater und Mutter hatten sich zum Luftschutzkeller in den Bürgersälen am Karlsplatz durchgeschlagen. „Mein Großvater ist dann noch einmal zurück zum Haus an der Königsstraße und wollte die wichtigsten Dokumente holen“, sagt Andreas Schwarberg. Den Weg zurück in den Luftschutzkeller schaffte er im Feuersturm nicht. Er rettete sich in die Aue, seine Frau starb mit vielen anderen im Luftschutzkeller.

Die damals 21-jährige Eva Reinecke zog nach dem Krieg nicht mehr in ihre zerstörte Heimatstadt zurück. Sie heiratete in erster Ehe einen Journalisten und arbeitete als Fotografin. Die Bilder aus Kassel begleiteten sie ein Leben lang. Vor drei Jahren ist sie im Alter von 96 Jahren in Berlin gestorben. Jetzt ist die Wohnung aufgelöst worden.

Der Sohn: Andreas Schwarberg (68).

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„Ich habe kartonweise Fotos geerbt“, sagt Andreas Schwarberg. Alles, was mit Kassel zu tun habe, solle auch nach Kassel kommen. Dafür ist er mit dem Material vom Bodensee nach Nordhessen gekommen. Beim Stadtarchiv besteht großes Interesse an den Fotos. Die Chancen stehen gut, dass man sie dort schon bald sehen kann. (Thomas Siemon)

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