Unklare Zukunft für Technik-Sammlung

Große Pläne für Orangerie: Wird aus dem Schatz in der Aue ein Gewächshaus?

Die Sonne geht auf: Blick auf die Terrasse der Orangerie in der Kasseler Karlsaue.
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Die Sonne geht auf: Blick auf die Terrasse der Orangerie in der Kasseler Karlsaue.

Das Astronomisch-Physikalische Kabinett wird auf absehbare Zeit in der Kasseler Orangerie nicht wiederzuöffnen. Stattdessen könnte aus dem Bau ein Gewächshaus werden.

Kassel – Ob, wie und wo die landgräfliche Sammlung astronomischer und physikalischer Instrumente sowie Exponate der Technikgeschichte künftig der Öffentlichkeit gezeigt werden, ist unklar. Die Museumslandschaft Hessen Kassel (MHK) hat gravierenden Sanierungsbedarf am Standort Orangerie festgestellt und entschieden, das Astronomisch-Physikalische Kabinett (APK) dort in absehbarer Zeit nicht wiederzuöffnen.

In diesem Zusammenhang gibt es nun Überlegungen, die Sammlung zu verlagern und künftig eventuell nur noch in Teilen für Besucher zugänglich zu machen. Das bestätigte MHK-Chef Martin Eberle. Er spricht ausdrücklich von „Vorüberlegungen“.

Im Gespräch mit der HNA äußert er auch die Überlegung, die Orangerie wieder zu einem Gewächshaus zu machen, nach dem Vorbild des Gewächshauses am Schloss Wilhelmshöhe.

Die museale Präsentation des APK müsse ohnehin überarbeitet werden, so Eberle, sie sei in die Jahre gekommen. Eine Möglichkeit wäre, hochrangige astronomische Instrumente aus dem 17. und 18. Jahrhundert in die Schatzkammer im Landesmuseum zu integrieren. Das würde heißen, die Messinstrumente würden – ohne fachlichen Bezug – als Preziosen vorgestellt, wie Porzellan oder Silberwaren. Die Landgrafen haben sich seit dem 16. Jahrhundert sehr für Astronomie interessiert, Kassel war einer der bedeutendsten Standorte astronomischer Forschung. In der Folge könnte diese Entscheidung jedoch bedeuten, dass nur diese Auswahl der Exponate aus dem APK weiterhin der Öffentlichkeit zugänglich bleibt.

Zudem müsste in der Schatzkammer Platz geschaffen werden, die Kollektion ist erst mit der Neueröffnung des Landesmuseums 2016 neu gestaltet worden.

Auch die Variante, die Sammlung am Standort zu belassen, aber deutlich zu verkleinern, neu zu sortieren und mit zeitgemäßen Erklärungen zu versehen, sei denkbar, sagt Eberle auf Nachfrage.

Das Planetarium in der Orangerie sei hingegen „tipptopp aufgestellt“, ebenso wie die Gastronomie soll es nach der Sanierung bleiben.

„Super spannend“ findet Martin Eberle die Objekte des Astronomisch-Physikalischen Kabinetts. Überhaupt: Die Sammlung als solche, die zeige, dass sich die Landgrafen für das Thema Planetenforschung so sehr interessiert haben, dass sie Wissenschaftler an den Kasseler Hof geholt haben. Die Kenntnis der Gestirne war ein wichtiges Machtsymbol für die absolutistischen Herrscher des 17. und 18. Jahrhunderts.

Eberle möchte den Lockdown und die erforderliche Sanierungszeit dafür nutzen, die Sammlung „neu zu denken“. Als problematisch sieht er vor allem Objekte, die zur Techniksammlung gehören. In den 70er/80er-Jahren habe man das Projekt verfolgt, im Fridericianum eine Art „Deutsches Museum“ nach Münchner Vorbild einzurichten und dafür Objekte angeschafft, die Technikgeschichte illustrieren sollten. Diese seien nun zum Teil nicht mehr auf dem aktuellen Stand, nicht so hochrangig und teilweise nicht zeitgemäß ergänzt worden.

Da es in der Stadt ein eigenes Technikmuseum gebe, sei es nötig, sich von dessen Sammlung stärker abzugrenzen. „Eine Lokomotive könnten wir in der Orangerie ohnehin nicht unterbringen.“ Auch, dass damals zeitweise das Flugzeug Fieseler Storch in der Orangerie gezeigt wurde, findet er problematisch, der Ort könne so einem Exponat nicht gerecht werden.

„Ich finde, es sind ein bisschen zu viele Themen“, sagt Eberle mit Blick auf den Museumsstandort in seiner jetzigen Form. Er wünscht sich bessere Erklärungen für die teils komplexen Exponate. Da sei die Museumspädagogik heute weiter. „Noch haben wir sehr viel Text.“

Die derzeitige museale Präsentation besteht seit 1992, jährlich besuchen knapp 40 000 Menschen den Museumsstandort mit Planetarium. Leiter der Sammlung ist seit 2003 Wissenschaftshistoriker Karsten Gaulke.

Zu den hochrangigsten Ausstellungsstücken des Astronomisch-Physikalischen Kabinetts gehört die Wilhelmsuhr. Sie ist entstanden 1559 bis 1562 und von unschätzbarem Wert. Landgraf Wilhelm IV. hat das Projekt initiiert, die Uhr bildet Planetenbewegungen mit einem komplizierten Uhrwerk nach, so sollte es möglich werden, die Stellung der Sonne und des Mondes zu einem bestimmten Datum ablesen zu können. Weltweit gibt es nur vier solche Uhren.

Auch ein Rechenglobus gehört zu den Prunkstücken der Sammlung, Um 1561 begann der Marburger Uhrmacher Eberhard Baldewein mit den Arbeiten, der Astronom und Uhrmacher Jost Bürgi arbeitete weiter daran. Der Schweizer war von 1579 bis 1604 bei Wilhelm IV. angestellt und steht in Hinblick auf seine astronomischen und mathematischen Berechnungen, Entdeckungen und Erfindungen auf demselben Rang wie seine Zeitgenossen Johannes Kepler, Galileo Galilei und Tycho Brahe.

Martin Eberle ist begeistert davon, dass in Kassel die Sammlungen der Landgrafen noch an ihren Originalstandorten erlebt werden können. Das Fridericianum war das erste Museum auf dem europäischen Kontinent, ein Ort für Kunst und Kultur, Repräsentation und Belehrung.

Dass er in der Stadt den Ruf habe, sich vor allem für die Bildende Kunst und weniger für die anderen Sammlungen der MHK zu interessieren, weist Eberle zurück: „Nein, ich bin breit aufgefächert.“ Vor allem interessiere ihn, für Besucher verstehbar zu machen, „was Kassel im 17. und 18. Jahrhundert war“.

In Bezug auf Planungen, die Sammlung umzubauen oder gar den Museumsstandort Orangerie aufzugeben, verweist das Kunstministerium auf die „Verantwortung jeder Museumsleitung“. Derzeit gehe es um „erste Überlegungen“. Entscheidungen seien in Abstimmung mit dem Ministerium zu treffen. (Bettina Fraschke)

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