Familienvater nahm sich das Leben

Neue Stolpersteine am 14. Oktober: Familie Tisch emigrierte nach Südafrika

Leben in der Nordstadt: Hinter dem Zaun sind die Gebäude des Schlachthofs an der Mombachstraße (heute Kulturzentrum Schlachthof) zu erkennen. Martha, Sigmund und Alfred Tisch posieren im Garten von Haus Schlachthofstr. 61. Die Familie hat von 1909 bis 1914 hier gewohnt, anschließend bis März 1918 in der Mombachstraße 17. Die Aufnahme stammt aus den Jahren 1910 bis 1914. Foto: privat/nh

Kassel. „Diese Stolpersteine stehen für Schicksale von sechs Menschen aus drei Generationen. Sie sind vor den Nazischergen aus Kassel geflohen - in die Freiheit und in den Tod“, sagt Jochen Boczkowski vom Vorstand des Vereins Stolpersteine in Kassel. Er hat das Gedenkblatt für die jüdische Familie verfasst.

Zur Stolpersteinverlegung am 14. Oktober werden Tisch-Nachfahren aus den USA erwartet.

Gieda Ida Adler stammte aus Gudensberg. Sie war 1872 in der Schlachterfamilie Sussmann Katz Adler geboren. Ihr späterer Ehemann, der 1880 geborene Schlachtergeselle Sigmund Tisch, stammte aus Hamburg. Auf der Suche nach Arbeit kam er in die Region und lernte die Metzgerstochter Gieda kennen.

1902 heiraten Gieda und Sigmund und ziehen in die Orleanstraße 13. Im Jahr 1903 kommen Sohn Alfred Sussmann in Kassel und im Mai 1904 Tochter Martha in Hamburg zur Welt. Auf der Meldekarte der Tischs sind in 20 Jahren 21 Ummeldungen vermerkt, von der ganzen Familie, von Gieda mit Kindern oder Sigmund allein. Gieda war mitunter monatelang bei den Schwiegereltern in Hamburg-Altona und ihr Mann beruflich bedingt in Bremen. Aber auch in Kassel ging es hin und her.

1909 wohnen alle zusammen in der Schlachthofstraße 61. Dort befindet sich das „Israelitische Altersheim“. Sigmund war hier als Portier tätig. Am 1. Oktober 1914 zieht das Altersheim eine Straße weiter, an die Mombachstraße 17. Die Tischs gehören zum Personal. Mit ihnen ziehen drei Hausmädchen und 17 Bewohner ein. 1918 zieht die Familie an die Sedanstraße 11. Fünf Jahre später trennt sich das Paar. Noch im gleichen Jahr wandert Sohn Alfred in die USA aus, wo er eine Kalifornierin heiratet. Sohn Tom wird 1939 geboren.

In Kassel wohnen Gieda und Tochter Martha ohne die Männer der Familie, bis Martha 1932 den 1906 in Kassel geborenen Simon David Reich heiratet. Er zieht zu Braut und Schwiegermutter. Der Maschinenbau-Ingenieur arbeitet zu dieser Zeit in der Firma seines Vaters, dem „Hessischen Eierversand“ an der Karlsstraße 6.

Das Paar bekommt zwei Töchter: Helen wird am 26. Juni 1934 in Kassel und Gabriella am 23. Februar 1937 in Frankfurt geboren. Noch vor der Geburt Gabriellas emigriert David nach Johannesburg in Südafrika. Ein halbes Jahr später folgen Martha und die Töchter.

„Es grenzt an ein Wunder“, sagt Boczkowski, „auch die in Kassel gebliebene Gieda, 67 Jahre alt, kann 1939 nach Südafrika flüchten und der Vernichtung durch die Nazis entfliehen.“ In Südafrika hat die Familie neue Karrieren aufgebaut und Familien gegründet. Gabriella lebt dort noch heute.

Sigmund Tisch ist nach der Trennung von Gieda nach Hamburg zurückgekehrt. Dort arbeitete er als Kellner, heiratete erneut und wird Vater eines Sohnes. Doch Siegmund hielt die Schikanen und Demütigungen der Nazis nicht aus. Nachdem er seine Arbeit verloren hatte, nahm er sich am 19. August 1938 das Leben.

Vor der ehemaligen Eimsbütteler Wohnung von Sigmund Tisch liegt bereits ein Stolperstein zum Andenken an ihn. Sein Sohn Emil lebt heute 85-jährig in Hamburg.

Von Christina Hein

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