Neue Theorie in der sogenannten Döner-Mordserie: Opfer der türkischen Mafia?

Kassel / Nürnberg. Es ist ein mühsames Fischen im Trüben, seit fast zehn Jahren jagen Ermittler in ganz Deutschland den Tätern der sogenannten Döner-Morde hinterher. Die letzte Tat der Serie ereignete sich am 6. April 2006 in der Kasseler Nordstadt. Damals wurde Halit Y., Inhaber eines Internetcafés, erschossen.

Nach einem Bericht des Magazins „Der Spiegel“ führen Spuren in die türkische Unterwelt. Hinter den Morden solle angeblich eine mafiöse Verschwörungsorganisation namens „tiefer Staat“ stecken, ein Netzwerk aus Ultranationalisten, Militärs, Politikern und Justiz. Außerdem soll es Verbindungen zu Angehörigen der Grauen Wölfe geben, so werden Mitglieder der rechtsextremen türkischen Partei der nationalistischen Bewegung MHP bezeichnet.

Der Spiegel mutmaßt, dass Ermittler dem Netzwerk so nahe gekommen seien, dass die Serie mit dem Mord an Halit Y. ein Ende gehabt habe. Dabei beruft sich das Magazin auf angeblich glaubwürdige Aussagen von Informanten, die selbst Angehörige des „tiefen Staates“ gewesen sein wollen. Beweise gebe es jedoch nicht. Ende 2009 spekulierte „Der Spiegel“, die Mörder hätten Verbindungen zur Fußball-Wettmafia.

Nun heißt es, dass Geldwäsche das Motiv für die Döner-Morde gewesen sei. „Die Grauen Wölfe hätten ein Syndikat in Deutschland aufgebaut, und wer sich geweigert habe, sein Geschäft für die Geldwäsche zur Verfügung zu stellen, sei ermordet worden“, schreibt „Der Spiegel“.

Zusammengelaufen sind die Ermittlungen in den vergangenen Jahren bei der Kriminalpolizei in Nürnberg. Der Bericht des Spiegel „ist reine Spekulation“, sagte Pressesprecherin Elke Schönwald auf Anfrage der HNA. Trotz umfangreicher Ermittlungen, an denen zeitweise 160 Beamte beteiligt waren, gebe es „leider keine heiße Spur“.

Tausende Spuren

Die Ermittler seien 3500 Spuren nachgegangen. 11 000 Personen seien überprüft und 32 Millionen Datensätze ausgewertet worden. Inzwischen sei die einst ins Leben gerufene Besondere Aufbauorganisation (BAO) Bosporus aufgelöst worden, sagte Schönwald. Die Ermittlungen laufen weiter in einer fünfköpfigen Mordkommission in Nürnberg.

Seit Beginn der Ermittlungen gebe es zwei Theorien. Es könne sein, dass ein Einzeltäter für die Morde verantwortlich ist. Genauso sei denkbar, dass hinter der Serie eine Organisation steckt, sagte Schönwald. Konkrete Anhaltspunkte für die eine oder andere Theorie gebe es nicht.

Einzige Verbindung zwischen allen Morden sei die Tatwaffe: eine Ceska vom Typ 83, Kaliber 7,65 Millimeter. Mit großer Wahrscheinlichkeit stamme sie aus einer Lieferung von 1993 in die Schweiz. Diese Lieferung sei fast komplett überprüft worden. Nur bei acht der Ceskas gebe es keine Anhaltspunkte über den möglichen Verbleib. „Wir gehen den nach wie vor anfallenden Spuren weiter nach“, sagte Schönwald. Noch immer seien 300 000 Euro Belohnung ausgelobt.

Hinweise: Polizeipräsidium Nordhessen, Tel. 05 61 / 91 00.

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