Tropen-Jumbo landete in Calden

Für Naturwissenschaftler ist es eine Sensation: Zum ersten Mal seit fast 50 Jahren gibt es einen Nachweis des Oleanderschwärmers in Deutschland, der vor allem in den Tropen und Subtropen lebt. Durch einen riesigen Zufall landete er ausgerechnet in Calden. Wir erzählen die unglaubliche Geschichte eines abenteuerlichen Fluges.

Kassel. Mit zehn Zentimeter Spannweite wurde der Flattermann zum Helden der Lüfte. Einem Oleanderschwärmer-Weibchen gelang, was Naturwissenschaftler kaum mehr für möglich gehalten hatten. Der 50 km/h schnelle Falter legte in seiner nur zwei- bis dreiwöchigen Lebenszeit mindestens 3000 Kilometer zurück, überflog die Alpen und landete ausgerechnet in einem Garten in Calden. „Seit 50 Jahren gab es nördlich der Alpen keine Funde“, sagt Dr. Kai Füldner, Leiter des Kasseler Naturkundemuseums. Der letzte Fund in Deutschland reiche in das Jahr 1963 zurück, als ein Tier in Baden-Württemberg entdeckt wurde.

In Nordhessen habe es noch nie Belege für Oleanderschwärmer gegeben. „Das ist ein Riesen-Zufall.“ Der tapfere Falter stammt aus einer Kolonie, die vermutlich in Nordafrika zu Hause ist. Dort sind die Bestände wegen ihrer Größe wanderfreudig. Nachdem er befruchtet wurde, schickte ihn die Kolonie vergangenes Jahr im Mai oder Juni auf Erkundungsmission. „Die Strategie dieser Art ist es, neue Lebensräume zu erschließen. Deshalb wird ein Teil der Bevölkerung auf Reisen geschickt“, sagt Füldner.

Offenbar seien die Flugbedingungen im Frühsommer 2011 optimal gewesen. Der Falter fliege nur nachts und brauche Rückenwind und milde Temperaturen, um eine solche Strecke zurückzulegen. Fällt die Temperatur weit unter zehn Grad, stirbt das Tier. „Im Mai und Juni hatten wir Super-Wetter“, erinnert sich Füldner. So war das vor einem Jahr im Anflug auf Calden. Aber nicht der Flughafen lockte es an, sondern der Oleanderbusch von Wolfgang (61) und Petra Strube (54) aus dem Ortsteil Ehrsten. Von den Blättern des Busches ernährt sich die Schmetterlingsart.

In Calden war die Reise des Einwanderers zu Ende. Er legte seine Eier und starb kurze Zeit später unentdeckt. Der Nachwuchs aber überlebte den Winter durch einen weiteren Glücksfall. Bevor es kalt wurde, holten die Strubes ihren Busch ins Haus. Und so konnte sich eine der Raupen in Ruhe satt fressen und verpuppen. Nachdem der männliche Falter vergangenen Herbst geschlüpft war, endete seine Glückssträhne. Er flog immer wieder von innen gegen das Fenster, bis er erschöpft starb. Das Tier-Drama sei an den abgeflatterten Flügeln nachzuvollziehen, sagt Füldner.

Als Wolfgang Strube den Oleanderbusch nun wieder rausstellen wollte, fand er das ausgetrocknete Tier. Er zeigte es seiner Frau, die sich so sehr ekelte, dass sie es am liebsten in den Müll geworfen hätte. Das Interesse ihres Mannes war stärker. Er recherchierte im Internet und wandte sich an das Naturkundemuseum.

Dort konnte der Museumsleiter den Fund, der nun in die Sammlung aufgenommen wurde, nicht glauben. Füldner vermutete zunächst, dass der Busch importiert wurde und die Eier bereits dort abgelegt waren. Aber er hatte sich getäuscht, die Strubes haben ihren Busch seit zehn Jahren. Der Pioniergeist des Muttertiers war vergebene Liebesmüh: Der Schwärmer braucht für eine Ansiedlung ganzjährige Temperaturen von 30 Grad.

Von Bastian Ludwig

Hintergrund: Rennfahrer unter den Schmetterlingen

Der Oleanderschwärmer ist ein Schmetterling aus der Familie der Schwärmer. Er kommt vorwiegend in den Tropen und Subtropen vor. Mit einer Spannweite von bis zu zwölf Zentimetern gehört er zu den größten seiner Art. Sein Flugstil ähnelt dem der Kolibris, und er erreicht damit eine Geschwindigkeit von 50 km/h. Die nachtaktiven Tiere fliegen von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang. Mit ihrem Rüssel, der so lang wie ihr Körper ist, saugen sie den Nektar verschiedener Pflanzen. Sie bevorzugen ganzjährig Temperaturen knapp unter 30 Grad und eine Sonnenscheindauer von zwölf bis 14,5 Stunden pro Tag. (bal)

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