Neue Vorwürfe aus Kasseler JVA: Gefangene sich selbst überlassen

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Berichte über Personalmangel: Die Kritik an den Zuständen in der Justizvollzugsanstalt Kassel-Wehlheiden I hält an.

Kassel. Nach den HNA-Berichten über den Personalmangel in der JVA Kassel-Wehlheiden I und den daraus resultierenden Problemen schreiben uns jetzt Beamte und Insassen, andere rufen an. Sie beklagen teilweise unhaltbare Zustände.

Aus Furcht vor Repressalien - das Justizministerium hat bereits Anzeige wegen Verrats von Dienstgeheimnissen gestellt - wollen sie anonym bleiben. In einem sind sich die Informanten einig: Die Darstellung des Justizministeriums, im Kasseler Gefängnis sei alles in Ordnung, stimmt nicht.

JVA Wehlheiden im Regiowiki

Ein Beamter schreibt: „Der Personalnotstand ist in allen hessischen Anstalten gleich und vom Justizministerium auch so gewollt.“ Wenn das Ministerium anderes behaupte, dann lüge es. Es würden in Wiesbaden Dinge beschlossen, die gar nicht durchführbar seien, schreibt der Beamte. Die Folge: „Jeder JVA-Bedienstete begeht mehrmals am Tag Dienstvergehen, nur um für einen reibungslosen Ablauf zu sorgen.“ Dazu gehöre auch, dass etwa in einer Freistunde die Gefangenen von viel zu wenigen Beamten bewacht würden. In einigen Bereichen seien die Gefangenen sich selbst überlassen, schreibt der Beamte weiter. Um nicht Überstunden aufzubauen, würden verschiedene Posten zeitweise gar nicht besetzt.

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Ein Strafgefangener, der schon in verschiedenen Anstalten inhaftiert war und jetzt im Gefängnis Kassel II, also der Sozialtherapie, sitzt, schreibt: „Da ich schon recht lange im Vollzug bin, kann ich sagen, dass sich für die Gefangenen viel verbessert hat, aber für die Beamten ist es viel schlechter geworden.“ Der Mann nennt Beispiele: „Oftmals schließt derselbe Beamte morgens meine Zelle auf, der mich am Abend vorher eingeschlossen hat. Der Beamte war dann nur kurze Zeit zum Schlafen zu Hause.“

Der Häftling beklagt den Personalmangel, den es auch in der Sozialtherapie gebe: „Würden unsere Beamten ihren Dienst nach Vorschrift machen, müsste unsere Anstalt zumachen.“ Nur dem guten Willen der Beamten und deren Engagement sei es zu verdanken, dass in der Sozialtherapie vieles möglich sei und gemacht werden könne.

Die Beamten, so der Häftling, seien nicht schuld am Personalmangel und aufkommenden Frust: „Die, die das zu verantworten haben, sitzen in Wiesbaden im Ministerium.“

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