Einzelhandel

Geschäftsfrau zum neuen Lockdown: Brauchen das Tübinger Modell in Kassel

Petra Feist-Dietrich, Inhaberin vom Schuhhaus Feist an der Wolfsschlucht in Kassel
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Nur Abhol-Erlaubnis hilft hier nicht: Das Schuhhaus Feist an der Wolfsschlucht lebt von der Beratung am Kundenfuß, sagt Inhaberin Petra Feist-Dietrich.

Die erneute Zwangsschließung vieler Läden ist ein harter Schlag für Kassels Einzelhandel. Es muss andere Lösungen geben, fordert Petra Feist-Dietrich vom Schuhhaus Feist

Kassel – Das war’s erst mal wieder mit Click and Meet: Die erneute Zwangsschließung der meisten Geschäfte ab kommendem Montag ist für Kasseler Einzelhändler ein harter wirtschaftlicher Schlag und eine nervliche Belastungsprobe. Dass manche Branchen vom neuerlichen Lockdown ausgenommen werden sollen, empfindet Petra Feist-Dietrich als „eine unglaubliche Ungerechtigkeit“.

Der Inhaberin vom Schuhhaus Feist an der Wolfsschlucht ist anzumerken, wie sehr sie die Situation belastet. Ihr Geschäftsmodell sei darauf ausgerichtet, Kunden mit größenmäßig oder orthopädisch schwierigen Füßen zu modischem, passendem Schuhwerk zu verhelfen – da sei die Erlaubnis zur Abholung im Laden keine Option: „Wir leben von der persönlichen Beratung am Kunden.“

Schon der erste Lockdown vor einem Jahr sei finanziell ein Fiasko mit sechsstelligen Umsatzverlusten gewesen. Damals habe sie noch gedacht, auch der Handel habe eben einen Beitrag zur Pandemiebekämpfung zu leisten, sagt die Geschäftsfrau. Inzwischen ist ihrer Ansicht nach belegt, dass der Einzelhandel nicht als Infektionstreiber im Fokus stehe: „Wir werden jetzt für Dinge bestraft, die wir gar nicht verursachen.“

Hygiene, Abstand und sonstige Vorsichtsmaßnahmen – im Schuhhaus Feist werde das peinlich genau eingehalten wie auch bei anderen Handelskollegen in der Innenstadt. „Alle passen auf, weil es ja um ihre Existenz geht.“

Nun stehe erneut eine erzwungene Schließung an im März und April, der wichtigsten Verkaufszeit in der Modebranche. Wie dort üblich, hat sich auch Petra Feist-Dietrich schon vor einem halben Jahr vertraglich zur Abnahme der kompletten Saisonware verpflichtet. Die Lieferanten müssen bezahlt werden, egal wieviel Winterware noch da ist und was sich die Politik an neuerlichen Auflagen als Reaktion auf das Corona-Geschehen ausdenkt.

Von solchen Einflüssen auf ihr geschäftliches Handeln „bin ich so betroffen wie noch nie in meinem Leben“, sagt Petra Feist-Dietrich. Das Schlimmste neben den finanziellen Folgen sei „die unternehmerische Ohnmacht, aushalten und abwarten zu müssen, nicht eingreifen zu können und zusehen zu müssen, wie jeden Tag die Eigenkapitaldecke schmilzt.“ Der 1928 gegründete Familienbetrieb, den sie mit ihrem Mann in dritter Generation führt, werde diese Zeit schon irgendwie überstehen – durch privat hineingegebenes Geld, aber bei vielen Kasseler Geschäftskollegen sehe es in dieser Hinsicht düsterer aus.

Wer die geschäftliche Krise durch Corona letztlich überstehe, werde man sehen müssen. „Der Staat kann nicht alle retten“, sagt die Unternehmerin. „Aber er soll uns wenigstens die Möglichkeit lassen, mittels Click and Meet verkaufen zu dürfen.“

Sich einfach in die verordnete Lage zu fügen und darauf zu hoffen, was nach dem 18. April möglicherweise wird, ist Petra Feist-Dietrichs Sache nicht. „Man kann nicht einfach nur verzweifeln, wir müssen nach Lösungen suchen“, sagt die Geschäftsfrau, de sich lange im Vorstand der City-Kaufleute engagiert hat.

Sie hat begonnen, bei Vertretern der Stadtpolitik auszuloten, inwieweit in Kassel eine Initiative für das sogenannte Tübinger Modell möglich wäre. Die schwäbische Stadt macht Lockerungen für Geschäfte, Kultur und Gastronomie dadurch möglich, dass sich das städtische Publikum an neun Stationen einen aktuellen Coronatest besorgen kann und damit ein tagesgültiges Ticket zum Eintritt in Tübinger Läden, Lokale und Kulturstätten bekommt. (Axel Schwarz)

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