Wissenschaftler wollen für Wandel des Wohlfahrtsstaats Impulse setzen

Sozialstaat auf dem Spiel? Ein Forschungskolleg der Uni Kassel beschäftigt sich mit dem Wandel der Wohlfahrtspolitik. Foto:  dpa

Kassel. 1,5 Millionen jüngere Arbeitnehmer ohne berufsqualifizierenden Abschluss arbeiten in deutschen Unternehmen, sagt Prof. Wolfgang Schroeder, Leiter des Fachgebiets „Politisches System der BRD“ an der Universität Kassel.

Angesichts des drohenden Fachkräftemangels in der Wirtschaft könne sich das Land diesen hohen Anteil von gering Qualifizierten, die bei einer Konjunkturflaute als Erste von Arbeitslosigkeit bedroht sind, nicht länger leisten. Es fehle bisher an wirksamen Förderkonzepten, diese Gruppe zu motivieren und ihr einen Aufstieg zu ermöglichen. Auf diese „stille Reserve“ könne man jedoch nicht verzichten, sagt der Wissenschaftler.

Das Problem der gering Qualifizierten ist längst nicht die einzige neue Herausforderung, der sich der Sozialstaat stellen muss: Es geht beispielsweise um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, um bessere Bildungschancen für benachteiligte Jugendliche und auch um die Frage von Macht, Einfluss und der Rolle von Interessengruppen, Verbänden und Institutionen bei der Bewältigung des immer schnelleren gesellschaftlichen Wandels. Mit dem Graduiertenkolleg „Wohlfahrtsstaat und Interessenorganisationen“ wollen die Kasseler Wissenschaftler Impulse für ein effizienter organisiertes Sozialsystem setzen und eine Perspektive geben. Ein Graduiertenkolleg ist ein Forschungsprogramm für Doktoranden.

„Es geht darum, die finanziellen Mittel so einzusetzen, dass der Sozialstaat genau das leistet, was er soll“, erklärt Schroeder. Bisher knistert es oft im Gebälk, wenn es darum geht, gezielt benachteiligte Gruppen zu fördern und dabei widerstreitende Interessen aufeinanderprallen. Schroeder nennt das Beispiel des milliardenschweren Bildungs- und Teilhabepakets der Bundesregierung. Da sei viel Geld zur Einstellung von Schulsozialarbeitern nicht abgerufen worden, weil viele Kommunen das Geld mit dem Hinweis abgelehnt hätten, sie könnten die neuen Kräfte nach dem Auslaufen des Förderprogramms nicht bezahlen.

Wie positionieren sich Institutionen, Verbände und andere Interessengruppen gegenüber dem Wandel der Gesellschaft? Nutzen sie ihren Einfluss und ihre politische Macht angemessen, stellen sie sich auf die neuen Herausforderungen ein? Spielen die alten Akteure in diesem System angesichts des Wandels noch die gleiche Rolle wie früher, oder müssen sie mit neuen Interessengruppen konkurrieren, verlieren gar an Einfluss? Auf solche Fragen werden die Teilnehmer des Kollegs nicht nur am „grünen Tisch“ nach Antworten suchen. Sie werden auch den Dialog mit den Fachleuten des Landeswohlfahrtsverbands und der Landwirtschaftlichen Sozialversicherung in Kassel suchen, sagt Schroeder. Foto: bf

Von Peter Dilling

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