Neuer Platz für die Rampe: Kunstwerke von Nele Bode vor der Uni

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Am Haken: Der Bahnwaggon ist Teil des Kunstwerks und Mahnmals „Die Rampe“. Gestern wurde er an der Moritzstraße in der Nordstadt auf seinen neuen Standplatz verfrachtet. Im Hintergrund ist das neue Selbstlernzentrum zu sehen. 

Kassel. Viel mehr Aufmerksamkeit für ein Mahnmal kann man sich nicht wünschen. Seit gestern steht der von der Künstlerin Nele Bode gestaltete Bahnwaggon „Die Rampe“ vor den Neubauten der Kasseler Universität an der Moritzstraße.

Er befindet sich jetzt direkt vor dem Selbstlernzentrum, wo täglich Tausende von Studenten und Universitätsmitarbeiter vorbeikommen.

Noch ist das Kunstwerk nicht komplett. Die namensgebende Rampe zum Waggon soll in Absprache mit der Künstlerin noch montiert werden. Ihr 1982 geschaffenes Werk besteht aus mehreren gesichtslosen Bronze-Figuren, die aus einem Waggon der Reichsbahn taumeln. Es erinnert an den Transport von Menschen in die Vernichtungslager und die Deportation von Zwangsarbeitern. Damit gibt es auch einen Bezug zu dem früheren Henschel-Gelände, auf dem die Universität entstanden ist. Henschel hatte im Zweiten Weltkrieg zahlreiche Zwangsarbeiter im Panzer- und Lokomotivbau beschäftigt. Wegen der Bauarbeiten für die Erweiterung der Kasseler Universität war die „Rampe“ an den Rand des Geländes versetzt worden. Inzwischen sind die Bauarbeiten weitgehend abgeschlossen.

Die Künstlerin vor ihrem Werk: Das Foto von 2015 zeigt Nele Bode (Jahrgang 1932) vor ihrem Werk „Die Rampe“.

„Ich freue mich, dass das Kunstwerk nun seinen dauerhaften, sehr zentralen Platz gefunden hat“, sagte der Präsident der Universität Kassel, Prof. Reiner Finkeldey. Das sei ein wichtiges Zeichen in Zeiten, in denen von manchen öffentlich die Erinnerung an die Verbrechen der Nationalsozialisten infrage gestellt würde. Das Kunstwerk nehme seinen neuen Standort rechtzeitig vor Beginn der documenta ein, bei der man sich den Besuchern als weltoffene und geschichtsbewusste Universität zeigen wolle.

Tochter von Arnold Bode

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Eva Renée Nele Bode (Künstlername E. R. Nele) ist die Tochter des documenta-Gründers Arnold Bode. Sie hatte das Kunstwerk für die Ausstellung „Stoffwechsel K18“ geschaffen, die 1982 auf dem Henschel-Gelände stattfand und eine kritische Ergänzung zur damaligen documenta 7 darstellte. 1985 war das Mahnmal auf Initiative einiger Mitglieder der damaligen Gesamthochschule Kassel auf dem Campus aufgestellt worden.

Hintergrund: Mit Lumpen an den Füßen zu Hentschel

Eines der großen Arbeitslager für Henschel befand sich am Schäferberg (heute Espenau). Klaus Mosch (Jahrgang 1956), der in Kassel studiert hat, berichtet darüber in einem Buch. Demnach lebten 1600 bis 2000 Menschen, „zusammengepfercht in insgesamt 27 Baracken mit 525 Wohnräumen“. Die Baracken seien aus Betonfertigteilen und Hohlblocksteinen errichtet worden. Die Teerpappe- oder Steinplattendächer hätten auf rohen Stahlträgern aufgelegen. Die meisten Menschen aus dem Lager schufteten täglich im Werk III der Firma Henschel & Sohn in der Kasseler Nordstadt, in der während des Zweiten Weltkriegs Panzer, Lokomotivteile und Lkw hergestellt wurden. Die Arbeitszeit dauerte von 7 bis 18 Uhr mit 15 Minuten Frühstückspause und etwa einer Stunde Mittag. 60 Stunden mussten wöchentlich mindestens gearbeitet werden. Den Weg zu Henschel - sechs Kilometer - mussten viele Zwangsarbeiter täglich zu Fuß zurücklegen - in um die Füße gewickelten Lumpen oder in Holzpantinen. Morgens um fünf Uhr verließen die Zwangsarbeiter das Lager Schäferberg, frühestens um 19 Uhr, also nach 14 Stunden, kehrten sie zurück. Die hygienischen Bedingungen machten das Lagerleben zur Qual, schreibt Mosch. Lediglich sechs Wasch- und Toilettenhäuschen hätten den bis zu 2000 Menschen zur Verfügung gestanden. Die jüngsten der verstorbenen Zwangsarbeiter waren 18 Jahre alt, der älteste 60 Jahre. Die meisten Zwangsarbeiter waren Franzosen, Polen, Belgier, Niederländer, Russen und Serben. (tos/kri) 

Quelle: Klaus Mosch: „Schäferberg, Ein Henschel-Lager für ausländische Zwangsarbeiter“, 1983.

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