Neues Gesetz

Erste anonyme Geburt in Kasseler Frauenklinik: Die Mutter blieb unbekannt

Neues Leben: Die vertrauliche Geburt soll verhindern, dass Mütter in Not ihre Kinder heimlich gebären oder gar töten. Unser Foto ist ein Symbolbild. Foto: dpa

Kassel. Vor etwa zwei Wochen ereilte Dr. Wouter Simoens ein Anruf von der Pforte, der den Mediziner kalt erwischte: Im Foyer stehe eine hochschwangere Frau, die in der Klinik Dr. Koch ihr Kind zur Welt bringen wolle. Allerdings ohne ihren Namen zu nennen. „Da haben wir erst mal geschluckt“, erzählt Simoens.

Für den Chefarzt der Bettenhäuser Frauenklinik war es die erste sogenannte vertrauliche Geburt.

Wouter Simoens

Am 1. Mai dieses Jahres ist dazu ein entsprechendes Gesetz in Kraft getreten. Es soll verhindern, dass verzweifelte Schwangere ihr Kind heimlich gebären, es aussetzen oder gar töten. Seither ist es Frauen möglich, ihr Kind vertraulich, sprich unter einem Pseudonym, bei einer Hebamme oder in einer Klinik sicher zur Welt zu bringen.

Nur gegenüber einer Beratungsstelle muss die Gebärende ihre Identität preisgeben. Die Daten werden dann versiegelt im Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben hinterlegt. Wenn das zur Adoption freigegebene Kind 16 Jahre alt ist, kann es Auskunft über seine Herkunft erhalten. Das Bundesamt übernimmt auch die mit der Geburt verbundenen Kosten.

„Das ist eine gute Möglichkeit, rechtssicher zu entbinden und dem Kind die Möglichkeit zu geben, später etwas über seine Herkunft zu erfahren“, sagt Ruth Wilcken vom Arbeitskreis Gemeindenahe Gesundheitsversorgung (AKGG). Sie ist eine von zwei qualifizierten Fachkräften in Kassel, die Schwangeren bei einer vertraulichen Geburt beratend zur Seite stehen – im besten Fall auch davor und danach. Bislang hätten sich anonyme Geburten in einer Grauzone befunden, sagt Wilcken. „Ich wünsche mir, dass die vertrauliche Geburt das Modell der Babyklappe ersetzt.“

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Seit 2003 gibt es eine solche Klappe am Kasseler Marienkrankenhaus – sechs Kinder wurden dort seither abgegeben. Über ihre Identität werden diese Kinder nichts erfahren. Bei der vertraulichen Geburt soll das anders sein. Es sei denn, die Mutter möchte sich auch nach 16 Jahren nicht zu erkennen geben. Dann muss ein Familiengericht entscheiden, welcher Wunsch höher zu bewerten ist.

Simoens bezeichnete die vertrauliche Geburt als „eine gute Alternative des Gesetzgebers, ein Kind sicher und nicht im Geheimen zur Welt zu bringen“.

Die Frau, die jüngst in der Koch-Klink vertraulich gebar, hat dem Säugling einen Namen gegeben. Dann ist er in eine Adoptivfamilie gekommen. Bis zum ersten Geburtstag kann sie das Kind theoretisch auch zurücknehmen.

Information und Hilfe finden Schwangere unter: 08 00/4 04 00 20; online: www.akgg-beratungszentrum.de, www.geburt-vertraulich.de und www.bmfsfj.de

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