Neues Leben in altem Gericht

Nach Verkauf: Land mietet Räume des ehemaligen Bundesarbeitsgerichts

Angela Merz-Gintschel

Kassel. Der kleine Sitzungssaal im Obergeschoss des ehemaligen Bundesarbeitsgerichts sieht so aus, als könnte dort die nächste Verhandlung sofort beginnen. Alle Stühle stehen an ihrem Platz, die Tische sind allenfalls etwas verstaubt.

Die Architektur des Raums mit der weißen Holzvertäfelung aus unregelmäßig vorspringenden Quadraten atmet jedoch den gestalterischen Geist der 1980er-Jahre: Ein bisschen Retro-Flair wird im alten neuen Gericht wehen. Weil es sich bei den Sitzungssälen um Kunst am Bau handelt, müssen sie erhalten bleiben.

Ende nächsten Jahres sollen die Richter und Mitarbeiter des Kasseler Arbeitsgerichts in den ehemaligen Bundesgerichtsstandort einziehen. Der Druck, einen neuen Standort zu finden, sei groß gewesen, sagt Justizministerin Eva Kühne-Hörmann. Denn eigentlich sollte das Arbeitsgericht schon längst aus den bisherigen Räumlichkeiten am Ständeplatz ausgezogen sein. Die Evangelische Bank, der das Hochhaus an der Ecke zur Fünffensterstraße gehört, hat Eigenbedarf für das Gebäude angemeldet. Auch das Sushi-Restaurant im Erdgeschoss muss ausziehen - laut einer Sprecherin der Evangelischen Bank bereits zum Monatsende. Das Arbeitsgericht darf noch ein Jahr bleiben. Seit 1995 hatte es seinen Sitz an dem zentralen Standort in der Innenstadt.

Eva Kühne- Hörmann

Was die Erreichbarkeit angeht, lässt auch der künftige Standort direkt am IC-Bahnhof Wilhelmshöhe nichts zu wünschen übrig. „Aus unserer Sicht wird der Umzug insgesamt eine Verbesserung bringen“, sagte Angela Merz-Gintschel, Direktorin des Arbeitsgerichts. Unter anderem die Sicherheitsvorkehrungen seien in dem ehemaligen Bundesgerichts-Bau besser zu bewerkstelligen. Gerade am Arbeitsgericht, das viel Publikumsverkehr habe und in dem die Emotionen manchmal hochschlügen, sei das wichtig, sagte Kühne-Hörmann. „An den Entscheidungen etwa zu einer Klage gegen eine Kündigung hängen mitunter Existenzen.“

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Der Eingangsbereich an der Heerstraße soll umgebaut und mit einer Sicherheitsschleuse versehen werden. Auch für die Computertechnik im Haus - die digitale Datenverarbeitung und elektronische Vernetzung der Gerichte ist weit fortgeschritten - stehen umfangreiche Arbeiten an. Die ehemalige Kantine, ein Flachbau neben dem eigentlichen Gerichtstrakt, wird nicht vom Land Hessen mitgemietet. Die Gerichtsmitarbeiter können in der Kantine des benachbarten Bundesarbeitsgerichts essen. Was der neue Eigentümer - der Projektentwickler Jochen Hohmann aus Künzell bei Fulda - mit dem Flachbau und der ehemaligen Generalsvilla aus den 1930er-Jahren macht, teilte er noch nicht mit.

Bundesgericht nur für 13 Jahre

Das Gebäude an der Heerstraße samt Kantine in unmittelbarer Nähe zum ICE-Bahnhof Wilhelmshöhe wurde im Jahr 1986 in Anlehnung an das benachbarte Bundessozialgericht gebaut. Das Bundesarbeitsgericht hatte dort lediglich 13 Jahre lang seinen Sitz. 1999 wurde es nach Erfurt verlegt.

In den Jahren von 2007 bis 2009 diente der seither leer stehende Bau als Ausweichfläche für das Bundessozialgericht, während dieses umgebaut wurde. Der große Gebäudekomplex am Graf-Bernadotte-Platz, in dem seit 1954 das Bundessozialgericht beherbergt ist, wurde in den Jahren 1937 und 1938 erbaut. Er diente bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs als Generalkommando. Mit 600 Zimmern und sieben großen Sitzungssälen war das Generalkommando damals das größte Bürogebäude Kassels und sollte für die kriegsvorbereitende Planung des Oberkommandos der Wehrmacht genutzt werden. Zu dem gewaltigen Gebäudekomplex im Vorderen Westen der Stadt gehörte auch die damalige Generalsvilla, die jetzt mit dem ehemaligen Bundesarbeitsgericht ebenfalls veräußert worden ist. (bal/rud)

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