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Neues Zuhause für alte Grabsteine am Kasseler Weinberg

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Von: Ulrike Pflüger-Scherb

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Ein Totenkopf für den Verstorbenen: Sebastian Orth (links) und Christian Rund vom Steinmetzbetrieb Gerloff kümmerten sich um den Transport der historischen Steine.
Ein Totenkopf für den Verstorbenen: Sebastian Orth (links) und Christian Rund vom Steinmetzbetrieb Gerloff kümmerten sich um den Transport der historischen Steine. © Dieter Schachtschneider

40 historische Grabsteine sind jetzt am Kasseler Weinberg ausgestellt.

Kassel – Mit Brötchen und Brot ist gutes Geld zu verdienen. Das war zumindest früher so. Ansonsten hätte sich Bäckermeister Johann Michael für sich, seine Frau Elisabeth und die beiden Söhne Justus und Nicolas nicht solch einen aufwendigen Grabstein anfertigen lassen können. Passend zum Beruf des Verstorbenen wurde eine Brezel in den Stein eingearbeitet, der mindestens 181 Jahre alt ist.

Denn dieser Stein stand ursprünglich auf dem „Altstädter Friedhof“, dem heutigen Lutherplatz. Und der wurde 1843 geschlossen. Über 300 Jahre waren dort Menschen aus der Bürgerschicht der Residenzstadt Kassel bestattet worden.

Der historische Grabstein der Bäckerfamilie sowie rund 40 weitere Exemplare, die im 17. und 18. Jahrhundert größtenteils aus Sandstein gefertigt worden sind, haben seit dieser Woche ein neues Zuhause. Von dem Depot der Museumslandschaft Hessen Kassel (MHK) in der Bunsenstraße sind sie in den vergangenen Tagen unterhalb des Museums für Sepulkralkultur an den Weinberg gebracht worden. Die MHK benötige das Depot selbst, sagt Christine Schneider vom städtischen Umwelt- und Gartenamt. Zusammen mit Markus Dehmer vom Bauverwaltungsamt hat sie in Absprache mit mehreren Ämtern den neuen Standort ausgesucht.

Die 40 Steine, die zum Teil 2,5 Tonnen wiegen und bis zu drei Meter hoch sind, sollen ab jetzt Schutz unter der aufgeständerten Straße „Am Weinberg“ finden. Es handele sich dabei um bedeutende Zeugnisse der Stadtgeschichte Kassels sowie der damaligen Bestattungskultur, sagt Schneider. Hier wird an Lehrer, Kleriker, hohe Beamte sowie an Kauf- und Handelsmänner erinnert.

Der Standort biete nicht nur Schutz vor der Witterung, sondern passe auch wegen seiner Nähe zum Museum für Sepulkralkultur, so Dehmer. Dort können die Steine bereits jetzt zu den Öffnungszeiten des Weinbergs besichtigt werden. Mittelfristig bestehe aber die Idee, die Fläche unter der aufgeständerten Straße weiterzuentwickeln und eventuell einzelne Grabsteine in Kooperation mit dem Museum für Sepulkralkultur zu präsentieren.

Pläne, die Steine zu restaurieren (zum Teil sind die Inschriften nicht mehr zu entziffern), gibt es aktuell nicht. Diese Arbeiten könnten die Mitarbeiter des Kasseler Steinmetzbetriebs Gerloff übernehmen.

Vorerst waren sie allerdings nur damit beauftragt worden, die schweren Sandsteine, die zum Teil stark verziert sind, an den neuen Standort zu bringen. Mithilfe eines Krans wurden die Grabmale auf Stahlgestelle gehoben, die auf Betonplatten stehen. Dort können die Grabsteine quasi wie in einem Archiv gelagert werden.

Dass es sich um ganz besondere Steine handelt, das bestätigt Steinmetzmeister Christian Rund. „Solche Steine kann sich heutzutage gar keiner mehr leisten.“ Um einen Grabstein so aufwendig zu gestalten, benötige es eine Arbeitszeit von zwei Wochen. Die historischen Steine würden sich allerdings größtenteils in einem guten Zustand befinden. Das liegt wohl auch daran, dass sie bereits ab 1939 in Kellerräumen des Landesmuseums am Brüder-Grimm-Platz gelagert wurden. Im Vorgriff auf dessen Generalsanierung im Jahr 2013 kamen sie dann zunächst ins Depot der MHK. (use)

Sie haben den Standort gefunden: Christine Schneider (Umwelt- und Gartenamt) und Markus Dehmer (Bauverwaltungsamt) unter der Straße „Am Weinberg“.
Sie haben den Standort gefunden: Christine Schneider (Umwelt- und Gartenamt) und Markus Dehmer (Bauverwaltungsamt) unter der Straße „Am Weinberg“. © Schachtschneider, Dieter

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