Neuer Laden in Kasseler Südstadt

Zweite Chance: Ehemaliger Häftling eröffnet Tattoo-Studio in Kassel

Michael Moore steht vor dem Tattooladen „Sinners Ink“ in der Frankfurter Straße.
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Noch wird renoviert: Michael Moore eröffnet in Kassel den Tattooladen „Sinners Ink“.

Michael Moore hat eine bewegte Vergangenheit. Er saß im Gefängnis, machte einen Entzug. Nun eröffnet der 32-Jährige ein Tattoostudio an der Frankfurter Straße in Kassel.

Kassel – Noch herrscht Chaos. Drinnen ist der Boden abgedeckt, Kabel baumeln von der Decke, es riecht nach Staub, Baustelle eben. Draußen vor dem Eingang steht ein kleines Gerüst, ein Schild soll angebracht werden. „Sinners Ink“ ist darauf zu lesen. Dort, wo früher eine kurdische Gemeinde ihr zu Hause hatte, eröffnet Michael Moore ein Tattoostudio. Am Montag (9. August) soll es losgehen, vorausgesetzt, „wir kriegen das hier noch rechtzeitig fertig“, sagt der 32-Jährige und muss schmunzeln.

Auf genug Helfer kann der Mann aus Fulda zählen. Mit seinem Namensvetter, dem US-amerikanischen Regisseur und Oscarpreisträger, hat Michael Moore nichts zu tun. Sein Vater stamme aus dem US-Bundesstaat Texas, die Mutter aus Deutschland – mehr verbirgt sich nicht hinter seinem Namen. Aber er werde häufig darauf angesprochen. Wäre das geklärt.

Selbst zur Tattoonadel greifen wird Moore nicht. „Dafür bin ich zu unbegabt.“ Unter seinem Dach werden internationale Topkünstler arbeiten, wie er sagt, „die ich pingelig auswähle“. Stuhlmiete nennt sich das Prinzip. Den Anfang macht ein Spanier, Arinea Ruiz, dann ein Rumäne, ein Ungar – der Laden bietet Platz für zwei Tätowierer. Es wird Hälfte, Hälfte gemacht. Erste Termine seien vergeben. Moore sagt aber: „Reich werden muss ich damit nicht.“

Kassel: Ex-Häftling eröffnet Tattoo-Studio

Für ihn ist das Studio an der Frankfurter Straße so etwas wie eine zweite Chance. Moore saß im Gefängnis, hat einen Entzug hinter sich. Der böse Bube macht einen Tattooladen auf, der auch noch den Namen „Sinners“, Sünder, trägt – klingt fast nach einem Klischee aus früheren Zeiten, als Tattoos noch nicht hipp waren und der Szene ein düsteres Image anhaftete.

Sei’s drum. Im Alter von 18 Jahren raucht er das erste Mal Gras. Kurze Zeit später fängt er an, mit Drogen zu handeln. Erst auf Partys, dann wächst das Geschäft, Kokain, Amphetamine, Marihuana, „bis auf Heroin und Crystal Meth war alles dabei“, berichtet Moore. Er spricht von einer „Konditionierung“, immer einen Schritt mehr, wenn das gut ging, dann der nächste Schritt. Anfangs habe er aus Angst, erwischt zu werden, Paranoia bekommen, später sei es ihm egal gewesen, „ich brauchte nur genug Gras intus.“

10 bis 15 Gramm raucht er täglich, 3000 Euro gehen im Monat dafür drauf, das Dealen finanziert die Sucht. Richtig arbeiten muss er nicht. Als Moore im April vor drei Jahren mit vier Kilogramm Gras und 21 Kilo Speed erwischt wird, ist Schluss. Er wird zu sechs Jahren verurteilt. Nach 16 Monaten in der JVA Fulda kommt er nach Merxhausen für eine geschlossene Therapie. Nach mehr als einem Jahr darf er in den offenen Bereich, endlich mal wieder raus.

Tattoo-Studio in Kassel: Aus dem Gefängnis in die Selbstständigkeit

In dieser Zeit wächst der Wunsch, sich selbstständig zu machen. Die Therapeuten in Merxhausen trauen es ihm zu. Moore sucht in Kassel nach einem passenden Laden. Er findet einen Partner, der investieren möchte. Jeder Schritt wird mit den Betreuern abgesprochen. Erst seit zwei Wochen ist er entlassen, auf Dauer-Urlaub, wie es heißt. Einmal pro Woche wird sein Urin kontrolliert.

Über all diese Erlebnisse zu sprechen, fällt ihm nicht schwer. Er habe seine Schuld akzeptiert. „Ich bin kein schlechter Mensch“, sagt Moore. Er sei damals nicht fähig gewesen, über die Tragweite nachzudenken, dafür „war der Kopf zu verklebt“. Und wenn doch mal Schuldgefühle aufkamen, habe er einen Joint angemacht, dann war es wieder okay.

Ein schlechtes Gewissen hat Moore gegenüber seiner Familie. Dass seine Mutter alles miterleben musste. Dass sein heute fünf Jahre alter Sohn, der bei der Ex-Freundin lebt, gelitten hat. Zweimal pro Monat kam er in der Zeit zu Besuch. Vergangenheit.

Nun macht Moore einen Neustart in der Südstadt. Zum ersten Mal in seinem Leben wird der er sein Geld auf legale Weise verdienen. (Robin Lipke)

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