500 Räder vorerst eingelagert

Nach Betreiberwechsel: Was wird aus den Konrad-Fahrrädern?

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Werden bald aus dem Stadtbild verschwinden: Die grünen Konräder werden durch 400 fabrikneue blaue Räder des neuen Betreibers Nextbike aus Leipzig ersetzt.

Kassel. Mit dem Wechsel von Konrad zu Nextbike rollen ab Januar 400 neue Leihräder durch Kassel. Was mit den 500 alten Fahrrädern passiert, ist noch nicht klar.

Die Konräder stehen vor der Ausmusterung. Mit Jahreswechsel gehört das Kasseler Fahrradverleihsystem der Vergangenheit an. Abgelöst wird es nahtlos vom Leipziger Anbieter Nextbike, der mit 400 fabrikneuen Rädern in Kooperation mit der Studierendenvertretung (Asta), der Stadt und der KVG in Kassel an den Start geht. Doch was geschieht mit den 500 alten Rädern? 

Wie die Stadt auf Nachfrage unserer Zeitung mitteilte, wolle man die Räder über die Verwertungsorganisation des Bundes (Vebeg) verkaufen – am liebsten alle 500 an einen Abnehmer. Vebeg ist eine Onlinebörse für ausgemusterte Fahrzeuge, Flugzeuge, Schiffe und technische Ausrüstung – zum größten Teil Altbestand der Bundeswehr, aber auch Objekte von Kommunalbehörden, wie die Konräder. Mitbieten kann jeder. 

Deshalb und weil der Auftrag der Stadt noch gar nicht bei der Vebeg eingegangen ist, sei es reine Spekulation, wer ein potenzieller Abnehmer für 500 gebrauchte Stadträder sein könnte, sagte Volkmar Kuhnert, Abteilungsleiter bei der Vebeg in Frankfurt. Ein solches Inserat sei jedoch nicht ungewöhnlich. Basierend auf Erfahrungen mit ähnlichen Auktionen schätzt Kuhnert den wahrscheinlichen Erlös auf circa 10.000 Euro, also 20 Euro pro Rad. 

Die Stadt hatte die Räder 2012 für einen Gesamtwert von 470.884 Euro angeschafft. Man habe beim Verkauf keine Preisvorstellung, doch der theoretische Restwert der Räder betrage insgesamt noch 67.336 Euro – also knapp 135 Euro pro Rad und damit deutlich mehr, als Vebeg die Einnahmen taxiert. Sollte sich kein Käufer finden, will die Stadt die Räder entweder einzeln anbieten oder verschrotten lassen. In der Zwischenzeit werden sie eingelagert. 

Eine Übernahme der gebrauchten Räder wäre gegenüber der Neuanschaffung für Nextbike wirtschaftlich nicht sinnvoll gewesen, hieß es aus Leipzig.

Analyse: Die Entwicklung von Konrad seit 2012

Im Jahr 2012 rollten die ersten Leihräder durch die Stadt. Kassel wollte sich 1,5 Millionen Euro Bundesförderung für den Radverleih nicht entgehen lassen. Die Stadt musste lediglich einen Eigenanteil von 175.000 Euro berappen. Weil auch die Kasseler Verkehrs-Gesellschaft (KVG) und der Nordhessische Verkehrs-Verbund (NVV) noch Geld beisteuerten, standen 1,8 Millionen Euro für den Kauf der Räder, den Bau von 50 Leihstationen und den Betrieb des Verleihsystems bis Ende 2012 zur Verfügung.

Es stellte sich rasch heraus, dass die schweren Drahtesel (Stückpreis mit Verleih-Ausrüstung rund 940 Euro) des Schweizer Herstellers Simpel für das bergige Kassel mit knackigen Steigungen auf vielen Hauptverkehrsstraßen nicht sonderlich geeignet waren.

Mit den nahezu einen halben Zentner schweren Rädern könnte man in einer brettebenen Fahrradstadt wie Münster flott rollen. In Kassel aber werden die Steigungen für viele Konrad-Nutzer zur Quälerei. Deshalb legen viele Mieter abschüssige Strecken etwa zum Uni-Campus am Holländischen Platz gern mit dem Rad zurück, steigen aber beim Rückweg bergauf lieber in Bus oder Tram. Das wiederum hat zur Folge, dass die Leihräder zum Beispiel an der Uni immer wieder von Konrad-Mitarbeitern eingesammelt und per Kleinlastwagen wieder zurück an die höher gelegenen Standorte im Vorderen Westen, Wehlheiden oder Kirchditmold gebracht werden müssen. Die Leihräder in einem Diesel-Transporter ständig durch die Stadt zu fahren, ist freilich im Hinblick auf die Umweltbilanz des Verleihsystems nicht optimal.

Die Bahntochter DB Rent und Stadt Kassel verteidigten das System dennoch. Die Ökobilanz sei positiv, weil der Transporter pro Jahr nur 3400 Liter Diesel verbrauche (macht neun Tonnen Kohlendioxid-Belastung der Luft), mit den Rädern aber jährlich etwa eine Million Kilometer in Kassel zurückgelegt würden. Das erspare rund 220 Tonnen Kohlendioxid-Belastung, die ein Mittelklassewagen auf dieser Strecke ausstoßen würde.

Jetzt richtet sich die Hoffnung darauf, dass der Leipziger Anbieter Nextbike mit Leichtbaurädern aufwartet. „Wir freuen uns darüber, dass jetzt deutlich leichtere Fahrräder zur Verfügung stehen. Die sind für die bergige Kasseler Topografie viel besser geeignet“, sagt Tobias Marczykowski von der Studierendenvertretung der Uni Kassel (Asta). Die Studierenden seien erfreut, dass die Stationen, die glücklicherweise alle erhalten blieben, an Werktagen täglich neu bestückt würden. „Das ist angenehmer.“

Was mit den alten Konrad-Rädern passieren soll, sei hingegen „nicht Angelegenheit des Asta. Wir wünschen der Stadt viel Glück.“ Dieser Wunsch birgt eine gewisse Ironie angesichts der Tatsache, dass es der Asta war, der durch seinen frühen und kompromisslosen Rückzug aus dem Vertrag der Stadt kaum eine andere Wahl ließ, als sich ebenfalls auf ein Modell mit dem neuen Betreiber einzulassen.

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