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Hohe Energiekosten bedrohen Kindertagespflege in Kassel

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Von: Claudia Feser

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Angela und Waldemar Bader sitzen mit Kindern der Einrichtung „Die Wackelraupen“ auf der Rampe zur Burg
Eine Burg für die Kleinen: Angela und Waldemar Bader bieten in ihrer Einrichtung „Die Wackelraupen“ in Oberzwehren zehn Plätze für Kindertagespflege an. © Claudia Feser

Die steigenden Energiekosten bedrohen auch die Jüngsten. Insbesondere die 328 Kinder, die von selbstständigen Tagesmüttern und -vätern in Kassel betreut werden, die mittlerweile Kindertagespflegepersonen genannt werden. Zwei der 80 Kindertagespflegepersonen in Kassel sind Angela und Waldemar Bader.

Kassel – Sie haben sich vor zwölf Jahren mit der Einrichtung „Die Wackelraupen“ in Oberzwehren selbstständig gemacht. Jetzt sind sie ratlos, wie sie in Zeiten steigender Energiepreise Kosten einsparen sollen.

Erster Gedanke: weniger heizen. Was im Privaten möglich ist, funktioniert bei der professionellen Kleinkindbetreuung aber nicht. „Wir können die Heizung nicht einfach ein paar Grad runterdrehen“, sagt Waldemar Bader. Das empfohlene Raumklima für Kleinkinder beträgt 21 bis 22 Grad – so rät die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung.

Die Baders betreuen in dem angemieteten Anbau an der Oberzwehrener Straße zehn Kinder zwischen einem knappen Jahr und drei Jahren. Es ist ein gemütlicher hoher Raum mit viel Holz, Küche, Essbereich, abgetrenntem Sanitär- und gemütlichem Schlafraum und einer Erlebnisburg, die bis unter die Decke geht. Die hat Waldemar Bader selbst gebaut, mit Liebe zum Detail für die Bedürfnisse der Kleinkinder. Und die Wackelraupen-Kinder fühlen sich sichtlich wohl: Sie rutschen auf dem Boden herum, hüpfen und krabbeln hintereinander her oder rutschen auf dem Hosenboden den Aufgang zur Burg hinunter.

Damit das so bleibt, fordern die Baders – wie viele ihrer Berufskollegen – eine politische Entscheidung, die die selbstständigen Kindertagespflege-Einrichtungen finanziell entlastet. „Die Betriebskostenpauschale muss pro Kind deutlich angehoben werden“, sagt Angela Bader. Je nach Stundenzahl kann maximal 300 Euro pro Kind abgerechnet werden. Dieser Betrag gilt seit zwölf Jahren, sei aber mittlerweile nicht mehr ausreichend, um kostendeckend arbeiten zu können. Außerdem sei die Orientierung an den Betreuungsstunden nicht mehr zeitgemäß, denn Vorbereitung, Einkaufen, Elterngespräche und Dokumentation sei nicht eingerechnet.

Ganz bewusst nehmen die Baders kein Essensgeld von den Eltern. Stattdessen kaufen sie für Frühstück und Mittagessen der Kinder ein und besorgen die Snacks. Nur freitags bringen die Kinder gefüllte Brotdosen mit, denn dann ist Wandertag bei den Wackelraupen. „Wenn wir den Standard halten wollen, wird das ein Problem“, sagt Angela Bader, „aber wir können nicht anfangen, bei den Kindern zu sparen.“

Der Bundesverband für Kindertagespflege bekommt viele Klagen über die ungewisse Zukunft zu hören und schlägt Alarm: „Dramatisch steigende Energiekosten, Mieten und Lebensmittelpreise gefährden Existenzen.“ Die Vorsitzende Inge Losch-Engler befürchtet, dass viele Betreuungsplätze wegfallen könnten.

Diese Ängste kennt auch Anja Lange-Rehm, die Vorsitzende des Vereins Tagesmütter Kassel, von den Berufskollegen. In ihrem Verein sind 60 Kindertagespflegepersonen organisiert, und bei vielen sei die Angst vor den Abschlagszahlen für die Energiekosten groß. „Ob Existenzen bedroht sind, wissen wir erst, wenn die Abschlagszahlungen da sind“, sagt die Vorsitzende, die in Niederzwehren selbstständig ist. Fakt sei, dass die Kosten nicht eins zu eins an die Eltern weitergegeben werden könnten. „Aber wir können als Freiberufler auch schwer Rücklagen bilden.“

Die Selbstständigen haben noch ein weiteres Problem, bemerkt Angela Bader: Wenn mal ein Platz nicht vergeben werden kann, laufen trotzdem die Kosten weiter, etwa für Miete und Energie. Eine angestellte Erzieherin bekomme ihren Lohn dann weiter. „Wenn bei uns etwas passiert, fängt uns niemand auf.“ Sie kritisiert: „Wir sind eine vollwertige Säule des Landes für die Kinderbetreuung, aber werden nicht so behandelt.“ Während der Coronapandemie war die Kindertagespflege als systemrelevant eingestuft und für manche Eltern die Rettung. „Es darf nicht sein, dass diese Gruppe jetzt im Regen stehen gelassen wird“, sagt Bundesverbandsvorsitzende Losch-Engler. (Claudia Feser)

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