Interview mit Dr. Holger Ehrhardt über seine neue Aufgabe als Grimm-Professor

Kassel. An der Uni Kassel ist die bundesweit erste Professur zu Leben und Wirken der Brüder Grimm eingerichtet worden. Der Kaufunger Germanist und Grimm-Forscher Dr. Holger Ehrhardt setzte sich gegen internationale Konkurrenz durch und nimmt sein Arbeit am 2. Februar auf.

Seit wann beschäftigen Sie sich mit den Grimms?

Holger Ehrhardt: Als Wissenschaftler habe ich vor gut 20 Jahren angefangen, mich mit den Grimms zu befassen. Zunächst mit Wilhelm Grimms Sohn Herman, der Kunsthistoriker und Schriftsteller war. Dann auch mit den Brüdern Grimm selbst. Deshalb bin ich auch aus Süddeutschland nach Kassel gezogen.

Was verbanden Sie als Kind mit den Brüdern Grimm?

Ehrhardt: Mein Opa mütterlicherseits hieß Grimm und hat mir immer erzählt, er habe etwas mit den Brüdern Grimm zu tun. Das habe ich lange geglaubt und war deshalb von den Märchen, die er mir vorgelesen hat, besonders fasziniert.

Haben Sie ein Lieblingsmärchen?

Ehrhardt: Ja, das war immer „Das blaue Licht“ (lacht). Dafür schäme ich mich eigentlich, weil es am Ende ziemlich brutal ist. Aber Blau war schon immer meine Lieblingsfarbe.

Was interessiert Sie als Grimm-Forscher am meisten?

Ehrhardt: Dass ihr Schaffen so vielfältig ist. Die Brüder Grimm werden meist nur als Märchensammler und -erzähler wahrgenommen, aber sie haben in Wirklichkeit viele Bereiche eröffnet. Denken wir an das Deutsche Wörterbuch, die Historische Grammatik, die Deutsche Mythologie und die Studien zu alten Rechtsquellen. Meine Professur ist allerdings eher literaturwissenschaftlich angelegt, ich werde mich nicht mit den Sprachwissenschaften beschäftigen. Mich interessiert vor allem auch die Biografie der Grimms und wie sie im Lauf der Zeit wahrgenommen wurden.

Über die Brüder Grimm ist schon vieles bekannt - wo liegen noch weiße Flecken?

Ehrhardt: Die liegen vor allem in der Biografie. So ein langes und komplexes Forscherleben hat viele Facetten, die nicht dargestellt sind. Zum Beispiel gibt es viele autobiografische Zeugnisse, die noch nicht publiziert sind. Bisher sind allein 20 000 Briefe nachgewiesen. An der Edition der Briefwechsel habe ich schon mitgewirkt. In diesem Bereich geschieht im Moment die größte Grundlagenforschung. Aber auch bei den Märchen finden sich immer neue Blickwinkel, unter denen man sie beleuchten kann.

Sie wollen sich auch mit der Frage des Antisemitismus der Grimms beschäftigen.

Ehrhardt: Das ist bisher nicht hinreichend untersucht worden. Die Grimms waren nicht ausgesprochene Antisemiten, aber sie waren Romantiker und damals war der Antisemitismus gang und gäbe. Die Grimms waren zwar mit den jüdischen Brüdern Rinald aus Kassel befreundet, die ihre Geldgeschäfte erledigt haben. Es gab also persönliche Verbindungen zu Juden. Aber im privaten Bereich gab es auch Äußerungen, die nicht besonders schön sind.

Zum Beispiel?

Ehrhardt: Bei einem Gang durch das Eichwäldchen in Kassel kam Wilhelm Grimm am jüdischen Friedhof vorbei und notierte im Tagebuch: „Es war mir ein widerwärtiges Gefühl“. Und wenn die Grimms von „Unseligen“ schreiben, sind meist Juden gemeint. Ich will nicht sensationsheischend sagen: Guckt mal, die bösen Grimms. Man darf ihren Antisemitismus nicht beschönigen, aber muss das Phänomen aus der Zeit heraus beschreiben. Ich verstehe es als Beispiel dafür, wie man bestimmte Bereiche hinter dem Bild der guten Märchenonkels ausgeblendet hat.

Wie hoch schätzen Sie das weltweite Interesse an der Forschung aus Kassel ein?

Ehrhardt: Sehr groß. Das sieht man an den bislang 150 Anmeldungen zum Märchenkongress im Dezember, den ich mitorganisiere. Die Teilnehmer kommen aus der ganzen Welt, auch aus Benin. Viele Forscher wollen auch gern hierher kommen, weil Kassel der Ort ist, wo die Märchen gesammelt wurden. Das hat für manche etwas Magisches. Dass die Grimms hier gewirkt haben, lässt sich natürlich auch touristisch vermarkten. Aber wenn, dann bitte schön seriös. Den Bereich um Wolfhagen auf Autobahnschildern das „Rotkäppchenland“ zu nennen, nur weil ein Wolf im Namen vorkommt, ist irreführend und nicht korrekt.

Von Katja Rudolph

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