Experten empfehlen, Wassertränken aufzustellen

Das steckt hinter dem rätselhaften Verschwinden der Vögel

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Stille in den Gärten: Singvögel wie dieses Rotkehlchen sind derzeit in der Mauser. Während des Gefiederwechsels verstecken sie sich im Gebüsch.

Kassel. Morgens ist es auffallend ruhig, und auch tagsüber haben viele das Gefühl, dass es kaum noch Vögel gibt. Folgt nach dem Insektensterben das große Vogelsterben? Kasseler Experten klären auf.

Frühaufsteher wundern sich: Wer sonst von Vogelgezwitscher geweckt wurde, dem fällt in diesen Tagen eine merkwürdige Stille im heimischen Garten auf. Wo sind all die Vögel hin? Hat ihnen die Dürreperiode der letzten Wochen derart zugesetzt?

„Das ist eher unwahrscheinlich“, sagt Dr. Berthold Langenhorst vom Nabu Hessen. Extreme Wetterereignisse habe die Vogelwelt über viele tausend Jahre immer wieder aushalten müssen. Der Nabu-Experte hat eine andere Erklärung dafür, dass Amsel, Drossel, Fink und Star verstummt sind, denn darauf wird er in diesen Tagen öfter angesprochen: Brut und Jungtierpflege sind vorbei, die Brutreviere müssen nicht länger mit Gesang markiert werden. „Jetzt gehen die Vögel in die Mauser und ziehen sich zurück.“

Aufgrund der Mauser, also dem Wechsel des Gefieders, sind die Vögel in ihrer Flugfähigkeit stark eingeschränkt. „Sie verstecken sich im Gebüsch“, erläutert Langenhorst. Um Feinde nicht auf sich aufmerksam zu machen, verhalten sich die Vögel sehr vorsichtig und vermitteln so den Eindruck, sie seien gar nicht mehr da.

Wenn es also mit der Mauser durchaus einen natürlichen Grund für das Verschwinden der Singvögel gibt, so geht die Trockenheit natürlich nicht spurlos an ihnen vorüber. Vor allem Jungvögel seien erschöpft, wenn sie keine Wasserquellen finden. Manfred Henkel vom Nabu-Kreisverband Kassel empfiehlt, Wassertränken aufzustellen. Sie gelte es jedoch täglich zu reinigen, ergänzt Langenhorst, da sich sonst Krankheitserreger ansammeln, wenn die Tränke von verschiedenen Vögeln genutzt wird. 

Er empfiehlt zudem, Weichfutter wie Haferflocken auszulegen, um den Vögeln während der Trockenperiode bei der Nahrungssuche unter die Fittiche zu greifen. „Aber nur in Maßen, sonst locken Sie Ratten an.“ Auch in Obstgärten fänden Vögel mit Äpfeln und Pflaumen zusätzliche Futterangebote. „Wer den Amseln, die derzeit keine Regenwürmer finden, etwas Gutes tun will, der kann auch einen Teller mit Mehlwürmern aufstellen“, sagt Manfred Henkel.

Die vorübergehende Dürre wird den Vogelbestand also nicht drastisch dezimieren. Der langfristige Trend aber zeigt, dass ihre Anzahl aufgrund des fehlenden Nahrungsangebots – Grund ist der massive Insektenrückgang – und wegen schlechter Brutbedingungen abnehmen wird, sagt Berthold Langenhorst.

Laut einer Studie, die der Nabu 2017 veröffentlicht hatte, ist die Zahl der Brutpaare aller Vogelarten innerhalb von zwölf Jahren um 15 Prozent gesunken. Insgesamt ging die Brutpaarzahl in diesem Zeitraum von 97,5 auf 84,8 Millionen Paare zurück. Künftig wird es also nicht nur während der Mauser stiller in den heimischen Gärten.

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