Sie sind nicht eindeutig männlich oder weiblich

Sozialpädagogen beraten in Kassel Eltern intergeschlechtlicher Kinder

Junge, Mädchen oder „divers“? Die AKGG-Beratungsstelle bietet Eltern von Säuglingen, die ohne eindeutig männliche oder weibliche Geschlechtsmerkmale zur Welt kommen, eine Anlaufstelle.
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Junge, Mädchen oder „divers“? Die AKGG-Beratungsstelle bietet Eltern von Säuglingen, die ohne eindeutig männliche oder weibliche Geschlechtsmerkmale zur Welt kommen, eine Anlaufstelle.

Das Beratungszentrum des AKGG hat ein neues Angebot: Es berät Eltern, deren Kinder mit nicht eindeutig männlichen oder weiblichen Geschlechtsmerkmalen geboren werden.

Kassel – „Das ist hessenweit einzigartig“, sagt Sozialpädagogin Lilli Fromm (42), die seit 13 Jahren für das AKGG schwangeren Frauen mit Rat zur Seite steht. Auf das Thema Intergeschlechtlichkeit stieß sie vor drei Jahren bei einer Fortbildung zu Trans-, Homo- und Intersexualität. Ein Aspekt, der ihr in Erinnerung blieb: „Wenn das Geschlecht eines Kindes bei der Geburt nicht sichtbar ist, werden Eltern ärztlich oft dahingehend beraten, einer Operation zuzustimmen.“

Im Mittelpunkt stehe immer die Frage nach der geschlechtlichen Zuordnung. „Man kann ein intergeschlechtliches Kind aber ganz normal aufwachsen lassen und ihm die Möglichkeit geben, sich später selbst für ein Geschlecht zu entscheiden.“ Viele Betroffene hätten später Probleme damit, dass über ihren Kopf hinweg ein Geschlecht für sie ausgewählt wurde.

Lilli Fromm berät beim AKGG seit 13 Jahren Schwangere

Im Kasseler Standesamt liegt bislang kein Eintrag zu „divers“ vor , also zu Kindern, deren Geschlecht weder als männlich noch als weiblich definiert wurde. Das müsse aber nichts heißen, sagt Jo Marie Mitzlaff, Hebamme im Geburtshaus, die auch schon in Kliniken gearbeitet hat. Unter ihren mehr als 1000 Geburten seien etwa 20 Kinder mit „eindeutig uneindeutigen“ oder „eindeutig intergeschlechtlichen“ Merkmalen gewesen. „Es kommt in Kassel vor, und zwar sicherlich häufiger, als es die Zahlen sagen“, sagt die 41-Jährige.

Jo Marie Mitzlaff ist Hebamme im Geburtshaus

Dann tendiere man dazu, in Kategorien einzuteilen. Das könne auch Ärzte zu Schnellschüssen bringen. So werde ein Kind, das mit einem Penis zur Welt kommt, der aber den Harnröhreneingang nicht an der Eichel, sondern seitlich hat, als männlich identifiziert, „weil das Kind ja einen Penis hat“. Das könne aber genauso gut ein intergeschlechtliches Merkmal sein, so Mitzlaff. Sie weist zudem auf das Missverständnis hin, dass Intergeschlechtlichkeit als Mischung aus männlich und weiblich betrachtet wird, dabei sei „divers“, auch als „dritte Option“ bezeichnet, ein drittes Geschlecht. Mitzlaff wünscht sich eine gesamtgesellschaftliche Aufklärung.

„Wenn sich Eltern melden, sind wir vorbereitet“, sagt Initiatorin Lilli Fromm, deren Arbeit vom Hessischen Sozialministerium unterstützt wird. Ihr Wunsch: „Dass medizinisches Personal Eltern eines intergeschlechtlichen Kindes an uns verweist.“ Dann komme sie auch direkt ins Krankenhaus, um vor Ort Ängste, Befürchtungen und Unsicherheiten zu besprechen.

Hintergrund: Etwa alle zwei bis drei Jahre kommt ein Neugeborenes (von etwa 2500 im Jahr) im Klinikum Kassel ohne eindeutige Geschlechtsmerkmale zur Welt. „Die Ursachen können hormonell oder chromosomal sein. Das klären wir dann mit Untersuchungen“, sagt Martin Schebek, Leitender Oberarzt am Klinikum. Dabei halte man sich an die Leitlinien der führenden Fachgesellschaften, die mit Korrektiv-OPs in den ersten Lebensjahren äußerst zurückhaltend seien. In den letzten Jahren habe es keinen Patienten im Klinikum gegeben, bei dem in den ersten Lebensjahren eine Korrektiv-OP durchgeführt wurde. Im Diakonissenkrankenhaus ist bislang kein intergeschlechtlicher Fall bekannt. Man kooperiere in einem solchen Fall mit Kinderärzten, um gemeinsam mit den Eltern eventuell notwendige Entscheidungen zu treffen, sagt Dr. Wouter Simoens, Chefarzt der Klinik für Geburtshilfe. 

Bis heute wurde im Standesamt Kassel keine Geburt mit der Angabe „divers“ beurkundet, teilt eine Sprecherin der Stadt mit. Laut § 22 Abs. 3 des Personenstandsgesetzes kann ein Kind seit 2018 mit der Angabe „divers“ in das Geburtenregister eingetragen werden, sofern es weder dem weiblichen noch dem männlichen Geschlecht zugeordnet werden kann. „Der Kommentar zum Gesetz empfiehlt in einem solchen Fall eine Rücksprache mit dem Anzeigenden der Geburt und die Vorlage eines ärztlichen Attestes“, so die Sprecherin. Vorausgegangen war dieser Möglichkeit ein Beschluss des Bundesverfassungsgerichts. Die „Dritte Option“ besteht seit Ende 2018. (Anna Lischper)

Infos und Kontakt unter Tel.: 0561/81 64 43 00

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