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Eine Tafel für jeden Toten: Jugendprojekt auf Kasseler Soldatenfriedhof

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Von: Axel Schwarz

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Sie machen den Anfang: Von der Max-Eyth-Schule haben unter anderem (von links) Florian Günther, Dominic Daubert, Ömir Keser, Faye Arfang, Tigran Osipov und Rene Möller bei dem Gedenktafel-Projekt mitgemacht.
Sie machen den Anfang: Von der Max-Eyth-Schule haben unter anderem (von links) Florian Günther, Dominic Daubert, Ömir Keser, Faye Arfang, Tigran Osipov und Rene Möller bei dem Gedenktafel-Projekt mitgemacht. © D. Schachtschneider

Gemeinsam mit dem Volksbund Deutsche Kriegsgräber holen junge Kasseler Soldatengräber aus der Anonymität: Rund 1800 Tote aus dem 1. Weltkrieg sollen ihre Namen zurückbekommen.

Kassel – Die Toten trugen russische Namen wie Ilja Najdenkin und Afanasy Balaschow. Aber auch Deutsch-Balten namens Jakob Muhl und Gustav Fitz sind auf dem Soldatenfriedhof auf dem Keilsberg in Niederzwehren vor mehr als 100 Jahren bestattet worden – ebenso wie jung aus dem Leben gerissene Männer aus der Ukraine. Alle waren im 1. Weltkrieg als gefangene Soldaten des russischen Zarenreichs nach Kassel gekommen. Manche starben an ihren Verwundungen, die Allermeisten an Typhus und Fleckfieber im Seuchenjahr 1915.

Die Holzkreuze, die anfangs an die Gefallenen aus Osteuropa erinnerten, sind vermodert. In den Jahren ab 1917 wurde ihre Heimat zur Sowjetunion, die sich für die Kriegsgräber nie mehr offiziell interessierte. Das will der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge mit Jugendlichen ändern und den Bestatteten ihre Identität wiedergeben. Dazu gab es am Samstag auf dem russischen Soldatenfriedhof eine Gedenkfeier, bei der die ersten Namenstafeln an einem Metallgerüst am Rande des Gräberfelds angebracht wurden. Wo genau unter der mit einigen neutralen Steinkreuzen versehenen Rasenfläche eine bestimmte Person bestattet liegt, ist heute nicht mehr feststellbar.

Aber seit ein paar Jahren sind immerhin die Namen, Herkunftsorte, Geburts- und Sterbedaten der gut 1800 Toten bekannt – und manchmal auch noch etwas mehr, berichtete Bettina Dodenhoeft, Vize-Regionalbeauftragte für Nordhessen beim Volksbund. Die Niederzwehrener Standesamtsregister aus der Zeit um 1915 seien nach der gesetzlichen Schutzfrist mittlerweile freigegeben und gäben Auskunft über die Toten vom Keilsberg.

Schon 2019 bei einer internationalen Jugendbegegnung des Volksbundes hatten junge Teilnehmer erste Tontafeln mit Namen und Lebensdaten von Bestatteten hergestellt. Nachdem das Projekt pandemiebedingt einige Zeit brachlag, hat jetzt die berufliche Max-Eyth-Schule neuen Schwung in die Sache gebracht: Während eine Schülergruppe mit Pfarrer Torsten Eisenträger Spurensuche betrieb und Namenstafeln anfertigte, bauten Metall-Azubis mit ihrem Lehrer Wolf Kunert den Prototyp eines stählernen Aufstellers. Dem könnten gut 30 weitere folgen, um nach und nach Namenstafeln für sämtliche Bestatteten aufzunehmen. Das erste Exemplar dürfte schon in Kürze mehr als voll belegt sein, denn die Schulgemeinde der Jacob-Grimm-Schule unterstützt das Projekt ebenfalls und hat eine Lieferung von über 60 Namenstafeln angekündigt.

Über die Mithilfe weiterer Schulklassen, Jugend- und Konfirmandengruppen würde man sich freuen, hieß es vom Volksbund. Laut der Regionalbeauftragten Maike Bartsch sind auch Sponsoren willkommen für weitere Metall-Aufsteller, die pro Stück knapp 700 Euro kosten. Für den Erstling hatten die Metallprofis der Max-Eyth-Schule ihre guten Kontakte zu regionalen Firmen mobilisiert und Sponsoren für Material, Biege- und Pulverbeschichtungsarbeiten gewonnen.

An der Einweihungsfeier nahmen unter anderem der Volksbund-Landesvorsitzende Karl Starzacher, Oberbürgermeister Christian Geselle, die evangelische Stadtdekanin Barbara Heinrich sowie Vertreter des Ortsbeirats Oberzwehren und der Berufsschule teil. In den Redebeiträgen klang immer wieder an, wie sehr das friedenspädagogische Anliegen im aktuellen Licht des Ukraine-Krieges an Bedeutung gewonnen habe.

Hintergrund: Das ist der Volksbund

Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge mit Sitz in Kassel ist Ende 1919 nach den Folgen des Ersten Weltkrieges als humanitäre und gemeinnützige Organisation gegründet worden. Heutzutage kümmert er sich im Auftrag der Bundesregierung um die Erfassung, Erhaltung und Pflege von Gräbern deutscher Kriegstoter im Ausland. Darüber hinaus arbeitet der Volksbund auch pädagogisch, etwa mit Angeboten für Schulklassen und internationalen Jugendbegegnungen.

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