Heute sind hier 100 Geschäfte auf 30.000 Quadratmetern

50 Jahre Einkaufszentrum Dez: Eine Erfolgsgeschichte trotz Widerstands

Kassel. Vor 50 Jahren wurde das sechste Diskont-Einkaufszentrum (Dez) der Bundesrepublik in Niederzwehren eröffnet. Seither hat sich das Dez immer wieder verändert. Wir blicken zurück. 

Dort, wo noch Monate zuvor die Schornsteine der Credé’schen Waggonfabrik in Niederzwehren in den Himmel ragten, wurde am 3. Mai 1968 das Diskont-Einkaufszentrum eröffnet.

Die entstandene Verkaufshalle sei – wie von Heinzelmännchen – in einer wahren Rekordzeit gebaut worden, hieß es damals in unserer Zeitung. Auf einer Verkaufsfläche von fast 16.000 Quadratmeter entstand vor 50 Jahren ein Vollsortiment für den Verbraucher zu Diskont-Preisen. 23 Einzelhändler boten ihre Waren an.

Ziel des neuen Zentrums sei es, so der Nürnberger Unternehmer Walter Hess (Möbel Hess), „vor allen Dingen dem Verbraucher hinsichtlich Preis und Qualität größere Dienste zu leisten, ihm ein volles Warensortiment unter einem Dach zu bieten und dieses Angebot durch eine Reihe von Dienstleistungen abzurunden“. Damit waren Restaurant, Schuhbesohlung, Reinigungs- und Waschsalon gemeint. Zudem wurde auf dem Dez-Parkplatz eine Tankstelle eröffnet, die es bis heute gibt.

Eröffnung im Mai 1968: Den Kunden wurde in dem neuen Einkaufszentrum ein reichhaltiges Sortiment (hier Rasenmäher) angeboten. Es gab damals aber auch schon Kleidung, Fernseher, Lebensmittel, Möbel, Teppiche, Tabak, Schmuck und vieles mehr.

Bei dem Dez handele es sich um die volle Zusammenarbeit von Einzelhandel- und Großhandelsunternehmen, die auf kostspielige Aufmachung und besonderen Service verzichten, die mit kleinster Spanne arbeiten, hieß es damals in der Berichterstattung. Durch höhere Umschlaggeschwindigkeiten könnten bessere Umsätze und niedrigere Preise erreicht werden. Von den ersten Unternehmern, die sich damals im Dez ansiedelten, stammten die meisten aus Kassel, darunter auch Elektro Friedrich und die Drogerie Quentin.

Wussten Sie schon, das 320.000 Bienen Honig auf dem Dez-Dach in Kassel produzieren?

Nichtsdestotrotz waren die Bedenken gegenüber dem Einkaufszentrum groß, erinnern sich der 87-jährige Edgar Delpho, der von 1981 bis 1997 Ortsvorsteher war, und sein Nachfolger Harald Böttger (62), damals noch ein Kind. „Als bekannt wurde, dass bei Credé ein Einkaufszentrum reinkommt, sagten viele Geschäftsleute aus Niederzwehren, dass jetzt alles den Bach runtergeht“, so Delpho.

Das Dez wird 50: Waggonbauer Credé wich dem Einkaufszentrum

Abriss der Fabrikgebäude der Waggonbauer der Firma Credé.

Einkaufen: Das neue Einkaufszentrum Dez wurde nach kurzer Bauzeit eingeweiht.

Parkplatz vor dem Dez 1968.

Im Vergleich dazu: So sieht der Parkplatz einige Jahre später aus

Warten auf Kunden: Kassen im Dez-Einkaufszentrum 1968.

Erweiterung des Dez-Einkaufszentrums 2012.

Erweiterung des Dez-Einkaufszentrums 2012.

Erweiterung des Dez-Einkaufszentrums 2012.

Luftaufnahme vor der Dez-Erweiterung 2012.

So sieht das Dez-Gelände heute aus.

Erste Erweiterung des Einkaufszentrums Dez

Die ersten Bestrebungen des Einkaufszentrums, sich zu erweitern, stießen entsprechend auf Widerstand. Es dauerte bis 1985, dass das Dez, mittlerweile im Eigentum des Hamburger ECE-Projektmanagements, durch einen ersten Neubau auf 22.000 Quadratmeter vergrößert werden sollte. 20 Mio. D-Mark wurden in eine neue Ladenstraße investiert. Neben den großen Mietern Obi, Allkauf und Adler (neu) gab es damals rund 50 weitere Einzelhändler.

Auf diesem Foto sind die Kassiererinnen einen Tag vor der Eröffnung bei der Generalprobe zu sehen.

Zweite Erweiterung des Einkaufszentrums

Die zweite Erweiterung folgte 1997 in Verbindung mit einem neuen Anschluss an die Südtangente. Lange Zeit war in der Stadt allerdings darüber debattiert worden, ob die Credéstraße über das Industriegleis, der zum Kraftwerk führt, verlängert werden kann. Im Februar 1997 verkündete Kassels damaliger Bürgermeister Dr. Jürgen Gehb, dass das Problem mit der Gleisquerung gelöst und der neue Anschluss an die A 49 für 7,4 Mio. D-Mark gebaut werden kann.

Ortsvorsteher Böttger erinnert sich an die Vorbehalte gegenüber der neuen Anschlussstelle. Viele befürchteten, dass es jetzt einen Schleichverkehr vom Kasseler Westen durch die Credéstraße zur Autobahn geben und der Stadtteil durch zusätzlichen Verkehr belastet wird. Das Gegenteil sei eingertreten, so Böttger. Durch die neue Anschlussstelle sei die Frankfurter Straße seitdem massiv entlastet worden.

Heiße Debatte in Niederzwehren: Beim HNA-Lesertreff im Mai 1995 ging es um die neue Anschlussstelle an die Südtangente. Auf dem Podium saßen (von links) Ortsvorsteher Edgar Delpho, HNA-Lokalchef Horst Seidenfaden, Bürgermeister Dr. Jürgen Gehb und Stadtbaurat Uli Hellweg

Dritte Erweiterung in Niederzwehren

15 weitere Jahre wurde dann über die dritte Erweiterung in der Stadt heftig gestritten. 2012 war es dann so weit: Die Stadt erteilte die offizielle Baugenehmigung für den Ausbau. Ursprünglich hatte Betreiber ECE einen Ausbau von 9000 Quadratmetern geplant. Genehmigt wurden letztlich 4000 Quadratmeter Verkaufsfläche. Der Anbau sollte vor allen den großen Mietern wie Media Markt und H&M Raum zur Vergrößerung bieten. Er wurde an jener Stelle hochgezogen, an der bis dahin ein altes Büro- und Lagerhaus stand. So verlor das Einkaufszentrum seine L-Form und bekam seine heutige U-Form. Das Dez hat heute eine Verkaufsfläche von etwa 30.000 Quadratmetern mit 100 Geschäften.

Böttger und Delpho vertreten die Ansicht, dass bei allen Bedenken, die es in den vergangenen 50 Jahren gab, das Dez eine Bereicherung für Niederzwehren ist. „Die Frankfurter Straße ist nicht wegen des Dez tot, sondern weil die inhabergeführten Geschäfte keine Nachfolger mehr finden“, sagt Delpho. Das Dez habe von Beginn an den Stadtteil unterstützt, so Böttger. Für die Menschen biete es vielfältige Einkaufsmöglichkeiten vor der Tür. „Für Familien mit Kindern ist das Dez ideal.“

Zwar gebe es alle Jahre wieder in der Vorweihnachtszeit Staus vor dem Dez, räumt Böttger ein. „Das ist aber alles handelbar“, sagt Delpho.

Haben alle Erweiterungen begleitet: Ortsvorsteher Harald Böttger (links) und sein Vorgänger Edgar Delpho.

 

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